Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Juli 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 26.7.1956.
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief vom 20. Juli kam, ehe das Päckchen, das ich am 19. um 5 Uhr bei starkem, überraschendem Regen auf die Post gebracht hatte, Dich erreichen konnte. Nun ist hoffentlich die "Goldene Frucht" längst wohlbehalten wieder bei Dir! Sie hatte längere Zeit mit Angabe des zu erwartenden Boten von Schmeil an sichtbarer Stelle draußen gestanden; aber das ließ mir doch keine Ruhe, denn bei uns war bald die Schwester, bald die Haushilfe in Urlaub, und der Betrieb behelfsmäßig. Fürs "Tägliche" reicht es ja, aber die Leihsache war mir doch zu gefährdet!
Deine lieben Zeilen mit dem Gedenken an vor 10 Jahren war mir als Datum nicht gegenwärtig, als Tatsache ist mir der Tag
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| unauslöschlich im Bewußtsein. Heut habe ich nun auch wieder [über der Zeile] wie damals einen Beweis der treuen Nachbarschaft der guten Frau Buttmi erfahren, bei denen ich Dich damals so unerwartet fand. Sie kam, um mir vor ihrer Abreise nach Hamburg "etwas zur Stärkung zu bringen, weil sie gemerkt hätte, daß ich es brauche." Es ist ein Büchschen Nescafé!! Komischerweise hatte das meine neue Frl. Dr. mir auch empfohlen! — — Aber eigentlich ist wohl überhaupt auch die ganze Sache nur eine seelische Depression infolge von Hermanns Hiersein! Du weißt ja, daß ich sein mir unverständliches Wesen immer als eine naive Unbekümmertheit erklärte, aber ich war diesmal wohl von vorn herein etwas kritisch und ungeduldig, sein Wesen reizte mich und es stellte sich kein Kontakt zwischen uns ein. Dabei merkte ich wohl, daß er sich
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| bewußt Mühe gab; aber sein ganzes Verfahren in der Erledigung der Möbelsache war, wie gewöhnlich: so wie man es nicht erwartet. Und da ging mein Temperament mit mir durch, sodaß ich manches sagte, was sich in mir seit Jahren angesammelt hatte. – Das ist unrecht, denn es kann ja zu nichts helfen, er ist doch nicht zu ändern.
Du schreibst, wie so oft, mit "Fern-Verstehen": ärgere Dich nicht! Aber wenn es auch ein Ärgern über sich selbst ist, dann muß man es durchmachen und überwinden. Und so muß ich jetzt suchen, wie ich "alles zum Besten wende".
Ein lieber Gedanke ist es mir, daß Du heut und morgen nun mal wieder Dein Seminar zum Abschluß bringst und dann Ferien sind. Wirst Du sie vernünftig nutzen? Was Harms von einem Gerstenkorn sagte, erinnert mich an Freudenstadt, wo Du einmal durch Sonnenwärme so etwas zur Reife und
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| Heilung brachtest. In dieser sonnenlosen Zeit könnte man das wohl mit warmen Kamillenumschlägen erreichen! Aber ich hoffe, es ist jetzt auch ohnedies vorbei. – Mit Hanne H. ist es leider nicht so. Sie ist jetzt "zur Untersuchung" in der Frauen-Abteilung der Poliklinik, wo ich sie schon zweimal besuchte. Ihre Ärztin war anscheinend mit ihrer Weisheit zuende.
Die "wertbeständige" Beilage Deines lieben Briefes habe ich sorglich aufgehoben und hebe sie auf für eine Gelegenheit mit Dir. Hier vom Haus kann man nicht telephonieren und wo sollte ich auch allein hin? Da ist mir mein Balkon lieber. Heut konnte ich ihn endlich mal länger benutzen. Es war ein wirkliches Sommerwetter! Habe vielen innigen Dank für alles Liebe, was mir Dein Brief brachte und sorge auch in meinem Interesse für Dich. Du weißt, wie ich davon abhänge. Noch viel herzliche Grüße!
Immer
Deine
Käthe.