Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./7. August 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 6. August 56.
Mein geliebter Freund!
Nach einem sonnigen Vormittag mit Sturmwolken in enormer Höhe, tieferen Föhnbildungen und dazwischen wieder Löcher von förmlich schwärzlichem Dunkelblau hat es jetzt stundenlang geregnet und man freut sich für jeden, der nicht in "Sommerfrische" ist! Und doch hätte ich Dir so sehr den Beginn wirklicher Ferien gewünscht! – Für Deinen lieben Brief, trotz der Nervenschmerzen, muß ich Dir nochmal besonders danken. Er war mir gerade ein recht notwendiges Heilmittel, denn ich war doch nach dem "Möbelbesuch" noch recht gründlich uneins mit mir selbst. Deine verständnisvolle Erklärung der "naturnotwendigen" Gründe der plötzlichen Verstimmung [über der Zeile] fühlte und fühle ich sehr deutlich, aber es hatte sich so viel innerer
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| Widerstand in mir seit langem aufgesammelt, daß er einmal nach ehrlicher Aussprache verlangte. Aber ich weiß wohl, daß es sinnlos ist, wenn man jemand einen Vorwurf daraus macht, daß man sich Illusionen über ihn machte.
Aber ich habe in den letzten Jahren so viel um mich herum auszugleichen und zu überwinden gehabt und schmeichelte mir, einen gewissen Seelenfrieden errungen zu haben, da bin ich doch an mir selbst sehr enttäuscht worden. Aber es bereitet sich in der Stille jetzt doch ein friedlicher Ausgleich vor.
Du wirst jedenfalls die Situation mit dem Assistenten mit Deiner beherrschten und beherrschenden Überlegenheit besser beilegen. Es ist etwas in der Luft, was die Nerven quält und erregt, und was eine
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| beständige Reizbarkeit zu überwinden gibt.
Unsre gute Mutter Erde ist durch die maßlose Intelligenz der Menschheit in üble Stoffwechselstörungen geraten. Aber wir wollen uns davon nicht unterkriegen lassen, nicht wahr? Freilich optimistisch kann man nicht in die Welt sehen!
Darum wage ich auch nur sehr zaghaft an Deine Verheißung eines baldigen Besuches zu glauben. Wie sehr ich ihn wünsche, brauche ich ja nicht zu sagen! – Ich schrieb Dir wohl schon, daß sich Ruges für die Congreßzeit vom 17.–23.7. hier bei Rodrian angesagt haben. – Gern würde ich auch Frl. Käte Silber mal wiedersehen. (Ich habe immer zwei Begegnungen mit ihr in Berlin bedeutungsvoll in Erinnerung). Nur dürfte das nicht mit Deiner Absicht zusammen treffen. – Wann nun der Umzug stattfinden soll, weiß ich immer noch nicht. Auf
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| das Gerede im Haus kann man nichts geben. Und die oberste Instanz ist im Urlaub. Ich hoffe aber, daß am Mittwoch Genaueres zu erfahren ist.

7. August. Da es vorläufig noch schriftlicher Verkehr sein muß, will ich doch noch von dem weiter reden, was mich beschäftigt. Da ist vor allem Niemeyer! In welchem Sinne mag er auf frühere Aufsätze von Dir zurückgreifen? Der Gedanke an sich ist mir sehr sympathisch, denn es ist ja ein so bleibender Gehalt in Deinen Schriften, daß er nicht in Tageszeitungen und Gelegenheitsvorträgen untergehen sollte. Ich weiß doch aus meiner kleinen Erfahrung, wie diese Mahnungen verständnisvoll und freudig aufgenommen werden. Und wie sie in jeder Situation wirksame Lichter geben.
So habe ich mir, angeregt durch das Pestal.-büchlein von Käte Silber, das Heft der Turmhahn-Bücherei vorg[über der Zeile] esucht mit Deinem Nachwort über das Naive.
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| Das paßt gerade eben so gut auf meinen Fall. Habe ich nicht meistens auf Fälle, die "nicht meine Art" sind, die Erklärung angewendet: er ist halt "harmlos". Mir scheint es als natürliche Folge einer Erziehung ohne Vater und durch eine brave, aber weiche verwöhnende Mutter, die nur für ihre Kinder lebte. – Warum mir diese Folgen gerade jetzt so unerträglich waren, ist wohl begründet in dem fortwährenden Wechsel meiner äußeren Existenz, der meine geistige Verfassung nicht mehr recht gewachsen scheint.
Vorhin bin ich wieder mal bei Hanne Héraucourt gewesen und fand sie außer Bett. Ich freue mich innig, daß Du mit Deiner Zuversicht doch recht behalten könntest. Jetzt fangen aber die Kräfte der Mutter mal an,
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| zu versagen. Und hier, wie jetzt überall, fehlt irgend ein verfügbarer Ersatz. Mit den gegenwärtigen Schwestern steht es auch nicht so, wie Du sie in Deinem Aufsatz schilderst: sie werden schon von vor[über der Zeile] nherein angewiesen, sich keine Hausarbeit zumuten zu lassen! Auch hier ein Bild der Zeit! Wie heißt es im Faust: – ist auf der Erde ewig Dir nichts recht?! Nein, Herr! ich find es hier, wie immer, herzlich schlecht. – –
Nun wirst Du wohl genug von der Sorte haben, und ich will Dich verschonen, bis – zum nächstenmal. – Noch eine Woche, dann wird hoffentlich der ewige Wetterwechsel aufhören und Ihr etwas Sonnenwärme und erfreuliche Tage in Lenzkirch genießen können. Das wünsche ich allerseits mit herzlichen Grüßen.
Sobald ich bestimmte Termine kenne, teile ich sie Dir mit und bitte herzliche, mir Deine eventuellen Absichten zu melden, damit ich mich mit allem danach richten kann.
<li. Rand>
Wie immer in stetem Gedenken   Deine Käthe.