Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August 1956 (Heidelberg)


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<der Eingangssatz legt nahe, das der Brief erst am 1.9. geschrieben wurde>
Heidelberg, 31. August 56.
Mein geliebter Freund!
Gestern war gerade das Datum geschrieben, da kam Frl. Seidel – "nur kurz", aber es dauerte bis nach 6 Uhr, und dann kam gleich das Essen und ich war zu müde. Dabei habe ich doch beständig den Wunsch, Dir zu schreiben, denn all meine Gedanken wenden sich doch zu Dir, und ich habe Dir fortwährend so viel zu danken! Es ist unerhört, daß zwei liebe, so sehr liebe Briefe noch keine richtige Antwort haben; und außerdem kam heut eine zu hohe Geldsendung! Das solltest Du aber wirklich nicht tun. Wenn ich einmal Mangel haben sollte, würde ich Dich bestimmt um Hilfe bitten. Aber vorläufig habe ich noch aus der "guten, alten Zeit" etwas Überschuß, den ich langsam zusetzen kann. Ich gebe für meine
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| Begriffe nämlich recht leichtsinnig aus. Es sind wohl Kleinigkeiten, aber es summiert silh, und so behalte ich eben keine Ersparnisse mehr. – Ich rede von dieser Seite des Lebens nicht gern, aber Du weißt ja, wie geborgen ich mich in Deiner Fürsorge fühle, in selbstverständlichem Vertrauen. Du sagst in Deinem Gedenkbrief zum 31. so wunderbar, wie ich es für mich immer in der Stille empfinde: daß eine gottgewollte Verbundenheit zwischen uns gewachsen ist, für die ich Dir nie genug danken kann, nicht umgekehrt!
Nur etwas Betrübendes war mir in diesen Tagen, daß ich Dich länger, als ich wollte auf Nachricht warten ließ. Hauptsächlich ist aber daran die Post schuld. Als ich am 25.8. zwischen 7 u. 8 Uhr den Brief in den Kasten geworfen hatte, sah ich, daß neuerdings die Abholung morgens um 6
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| an Sonntagen abgeschafft ist. Nun konnte ich ihn nicht wieder rausholen und aufs Hauptpostamt bringen! Und noch mehr bekümmert mich, daß Du solch einen abscheulichen Katarrh bekommen hast. Du hattest gerade im letzten Brief das Allgemeinbefinden gelobt. Ich war hier schon ziemlich zu winterlichen Sachen übergegangen und hätte gern gefragt: ob Ihr auch Warmes genug mitgenommen hättet? Aber ich genierte mich, weil es wohl zu selbstverständlich schien.
Ob Du diesen ärgerlichen Anfall nun wieder überwunden hast? Ich hoffe es am 5. September von Frl. Dr. Käte Silber zu hören, auf deren Besuch ich mich herzlich freue. Und ich hoffe auch, daß sich dann nicht gerade noch jemand anfindet! Nach einer längeren Pause scheinen sich immer gleich die Leute im ¼ Dutzend einzustellen. Mädi hat geschrieben, daß sie hofft
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| am 18. Sept. für 2 Tage kommen zu können, und das trifft gerade mit Ruges, (vom 17.–23.) zusammen. Letztere kommen aber mit Auto, und da werden wir wohl zu viert oft ins Freie fahren.
Für mich waren ausgerechnet die letzten Tage, die ich mir gerade zur Schreiberuhe vorgenommen hatte, recht unruhig. Frau Frobenius hatte mir den Besuch von Frau Moser und Tochter Helmine in Aussicht gestellt, und da schrieb ich den beiden am Diensta Mittwoch würde ich sie erwarten. Ich deckte einen hübschen Kaffeetisch und sie kamen nicht! Die Karte vom 26. hatten sie am 29! erhalten, kamen also an Donnerstag den ich eventuell zur Wahl gestellt hatte. (Heidelberger Post!!) Dann war es aber wirklich sehr hübsch mit ihnen. Die Mutter mit ihrer strahlenden Liebenswürdigkeit stimmt mich immer froh, und die Tochter ist das
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| Urbild eines wohlerzogenen, in sich sicheren unbefangenen jungen Mädchens, dabei bildhübsch – sieht aus wie 16, ist aber erst 13! Hedwig Mathy kam ein Weilchen dazu, war auch ganz bezaubert. Helmine besucht die hiesige Handelsschule; der Vater ist Maurer, die Mutter hat jetzt einen kleinen Laden, kurz sie haben sich wieder eine sichere Stellung geschaffen. Das tut so wohl, das zu sehen. Am Freitag den 31. kam dann um 10 Uhr die Schneiderin zur Besprechung, die ich schon am Montag erwartet hatte und überhaupt verlief die Sache ziemlich ergebnislos. In den Mittagsschlaf hinein kam die Waschfrau, der ich meinen Kaffee abtrat und dann unterhielt mich noch Frl. Seidel recht ausgiebig von einer Inspektion des neuen Hauses in der Zeppelinstraße, in das wir
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| spediert werden und auf das sie auch in Zukunft rechnet. Alles in allem bin ich trotz vielen Schlafens doch oft recht müde.
Aber eine Freude belebt doch auch wieder recht ausgiebig, und die brachte mir Dein lieber Brief, der am 29., "vom Herzen diktierte". Er kam schon am 30., aber ich konnte ihn unmöglich über Nacht aufheben und habe ihn immer mit mir herumgetragen voller Dankbarkeit. – Aber daß Ihr nur so unbestimmt auf ein warmes Zimmer rechnen konntet, war doch eigentlich dieses "vornehm gewordenen" Hotels nicht würdig.
Der Besuch von Herrn Dr. Bork war hoffentlich eine ungetrübte Freude, wie ich mir auch immer Dein Zusammensein mit Dr Bähr vorstelle. Ich verbinde immer mit seinem Namen die Erinnerung an einen
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| Besuch, auf dem ich Dich begleitete zu einem Haus Augusta-Allee?? Und dann sein Aufsatz in Deiner Festschrift zum 60. Geburtstag: Platon als Mensch. — Damit verbindet sich als Kontrast der Gedanke an Wenke und Fetscher. Da ist wohl nicht das Älterwerden schuld daran, sondern eine Wesensverschiedenheit, die sich bei allen immer klarer herausstellt, und bei der man vergeblich eine Angleichung erwartet hat. So geht es mir wenigstens mit Hermann. Sein Brief ist voll guten Willens, aber ich merke, daß er mich eigentlich garnicht verstanden hat. Er ist ohne den Vater aufgewachsen, der mir bis zu meinem 17. Jahr Vorbild war.
Von Lotte Reinhard hatte ich einen Brief aus Christophsbad in Göppingen. Sie ist dort vorläufig auf unbestimmte Zeit, und spricht von einem schweren Nervenzusammenbruch, worüber ich zu andern nicht reden soll. So ungefähr
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| hatte ich mirs nach der sonderbaren Auskunft in der Klinik gedacht. – Von Frl. Held hatte ich auch einen Brief, die zu Haus ist, und der Mutter hilft, die einen 3–4jährigen Neffen spazieren fährt und dabei ganz zufrieden scheint, aber die Hoffnung auf Studium und Malen nicht aufgibt. Das ist für mich ein Gegenstück zu Hanne Héraucourt, Begabung, aber mangelnde Kraft.
Ach, geliebter Freund, da ist doch so ein bescheidenes Durchschnitts-Menschenkind wie ich besser daran, die wenigstens bis zum 80. Jahr eine leidlich normale Existenz führen konnte. Jetzt ist nur meine größte Sorge nicht noch vor der Zeit geistig zu versagen. Das Gedächtnis ist oft erschreckend schwach. – Da gibt es nur etwas, das in ihm immer lebendig ist – Du weißt es. Grüße Susanne herzlich und sei selbst immer in Liebe gegrüßt
von
Deiner
Käthe.