Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. September 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 6. Sept. 1956
Mein geliebter Freund!
Heut wollt Ihr wieder in Tübingen sein und eigentlich hatte ich Dich daheim mit einem Gruß empfangen wollen. Aber die letzte Woche hatte mir nicht die Ruhe dazu gelassen und gestern nahm mich der erfreuliche Besuch von Käte Silber ganz in Anspruch. So will ich Dir wenigstens heut davon erzählen! Ich empfing sie mit Kaffee und Kuchen, und es ergab sich eine gemütliche Plauderstunde. Leider konnte sie mir nicht die erwünschte ausführliche Auskunft über Dein Befinden bringen, auf die ich gehofft hatte, sondern es bestätigte nur Deinen Bericht. Aber sie selbst beschwerte sich ebenso über die Wirkung der Schwarzwaldluft, die ihr so schlecht bekam, daß sie den Arzt befragte. Da bin ich ja beinah noch ein Held dagegen! Denn zu
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| mir kommt etwa alle 14 Tage das Frl. Dr. – (jetzt Clauß-Ahles) und alles, was mir nicht gefällt ist immer nur "normale Alterserscheinung". Ich erbat mir für dieses Übel nur wieder eine Büchse Cordovasin, das gerade zuende war. Denn ich brauche entschieden immer eine gewisse Belebung. So hat auch der Besuch gestern wohltuend gewirkt, denn wir gingen nach 5½ Uhr zur Bergbahn und fuhren auf den Königstuhl, und hatten vom Turm eine überraschend schöne Aussicht: nicht absolut klar, sondern duftig und über der Rheinebene einen etwas dramatischen Sonnenuntergang, orange-rötlich und schwarz gemischt. Überhaupt war uns das Wetter gnädig und da oben eine belebte, anregende Luft. Auf der Rückfahrt stiegen wir beim Schloß aus und besuchten noch die "Vorliebe". Das gab Veranlassung mir davon zu erzählen, wieviel Kinder aus bekannten deutschen Familien s. Z. in Iferten bei Pestalozzi in Erziehung waren. – Von dem Besuch bei Schm. war sie nicht restlos befriedigt; die Unterhaltung habe sich restlos um
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| die Kostenfrage der Herstellung gedreht. Sehr froh war sie aber dabei der wirkungsvollen Unterstützung aus Tübingen. –
Und wie war es in diesen letzten Tagen bei Dir in Lenzkirch? Brachte Dr. Bork auch etwas frischen Wind mit? Bei mir hat dieser Besuch nur günstig gewirkt, denn ich war ja in letzter Zeit sehr auf dem Trocknen! Die einzige Anregung von außen war ein Besuch bei Hanne Héraucourt, die ich allein zu Haus und außer Bett antraf. Sie ist dauernd von Schmerzen geplagt, um durch Übung die nötige Beweglichkeit zu erhalten. Es ist ein elendes Dasein, das sie mit fabelhafter Tapferkeit durchhält.
Nach längerer Zeit (bei Gelegenheit der Suche von Unterkunft für Mädi, vom 20.–22. Sept) ging ich bei Elsbeth Gunzert-Wille mit heran und erfuhr, daß Ihr Mann, 82jährig! sich einen Schenkelhalsbruch holte und in der Chirurgie liegt. Der Zustand ist bisher normal, aber durch Neigung zu Thrombose gefährdet. Also wieder ein Mißgeschick im Freundeskreise. Es ist kein Wunder, wenn man etwas
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| zu Trübsinn neigt. Wie dankbar kann man sein, wenn man eine unsichtbare Welt hat, in die man sich in unbegrenztem Vertrauen flüchten kann! Wie tief das immer in mir lebt, das weißt Du.
Aber sehr unangenehme Sachen hatte ich in äußeren Dingen tagelang nach dem 1. Sept. mit der Ortskrankenkasse. Zum Schreiben ist das zu umständlich. Aber erzählen würde ich es Dir sehr gern, denn es hat mich tagelang beunruhigt und in den Schlaf verfolgt. Aber ich habe jetzt beschlossen, es aus meinen Gedanken zu verbannen, denn es drohte, zur fixen Idee zu werden. Und so tue ich, "was mir erfreulich ist" und flüchte in die innere Welt, die ja mein eigentliches Leben ist. Und in diesem Sinne grüße ich Dich innig. Ich danke Ida für ihre freundliche Karte und grüße Susanne herzlich.
Immer in treuem Gedenken
Deine
Käthe.