Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. September 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Sept 1956.
Mein geliebter Freund!
Seit zwei Tagen war eine Tendenz zur Besserung des Wetters, aber die Temperatur ist ausgesprochen herbstlich. Wie haben sich denn die Dinge für Dich in dieser letzten Zeit der Ferien gestaltet? Hattest Du weniger störende Besuche, oder vielleicht gar eine erfreuliche Ablenkung wie es Käte Silber für mich war? Im übrigen ist ja bei mir wenig Grund zu besserer Stimmung und die Gleichzeitigkeit der bevorstehenden Besuche von außerhalb sind eigentlich nicht nach meinem Sinn. – Aber daß es Lotte R. besser geht, daß der Mann von Elsbeth W.-G. die schwere Verletzung zu überwinden scheint, freut mich recht, nur Hanne H. fand ich gestern wieder rückfällig. – Zu meiner Überraschung
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| klagte sie über eine Erscheinung, die ich selbst immer mit Kummer als Alterserscheinung ansehe: das momentane Versagen des Gedächtnisses. Dafür ist sie doch nicht alt genug! Aber die allgemeine Schwäche, über die jetzt hier plötzlich alle klagen, und für die ich bekanntlich der atomaren Verseuchung der Luft die Schuld gebe, wird offenbar immer mehr anerkannt. Die Empfindlichkeit dafür greift um sich, und äußert sich als Mangel an Herz- und Gehirntätigkeit.
Es ist meine feste Absicht, diesen Zustand von Schlappheit und Schlafsucht durch Energie zu überwinden, aber es gelingt nicht immer und der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen überreich gepflastert. – Am besten weiche ich dieser Erschöpfung mit guter Lektüre aus – die mir aber unversehends zu persönlichem Erleben und Rückerinnern wird.
Da hat mich natürlich Dein Aufsatz für die
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| Rhein. Post oft beschäftigt. Es ist recht eigentlich die Überwindung des Ich, mit der ich zu tun habe. Denn mag ich auch im körperlichen Versagen recht oft zu "meines Nichts durchbohrendem Gefühle" kommen, so ist doch auch in dem höheren Sinn des Lebenszieles so manche Unzulänglichkeit in mir geblieben, die nicht mehr auszugleichen ist! Und so hören Kampf und Überwindung wohl nicht auf bis zuletzt. Aber es steht doch über meinem Dasein von Anbeginn Cor. 1.13.,13 und hat es unendlich reich gemacht. Wie kann ich da über brüderliche Mängel aburteilen!? – Welches wunderbare Glück ist doch das immer gleiche Verständnis zwischen uns. Das hilft mir täglich – stündlich, und wird mir auch in den kommenden Wochen immer gegenwärtig sein.
Die Umzugsgedanken werden vielleicht ganz vorteilhaft durch die Besuche zurückgedrängt, und was die materiellen Schwierigkeiten betrifft, so weiß ich sie ja durch Deine Güte immer gedeckt. Persönliche Hilfe wird
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| mir hier von verschiedenen Seiten lebhaft angeboten: Gisela Gaßner u. Tochter, Rösel Hecht etc. Aber am meisten vertraue ich auf Hedwig Mathy.
Es war noch mancherlei, was ich schreiben wollte, aber der Brief soll doch womöglich morgen, im Laufe des Tages noch bei Dir ankommen. Drum muß er rasch zur Post. Möchte er Dich in befriedigter Stimmung antreffen, und möchte doch noch etwas Nachwirkung für Nerven und Augen fühlbar werden. Auch bei mir ist die Sehschärfe des des linken Auges oft recht mangelhaft.
Meinen Dank für Kartengruß von Ida richtete ich wohl schon aus. Ihr und besonders Susanne richte, bitte, herzlichen Gruß aus, und Dich grüßt in liebevollem Gedenken immer
Deine
Käthe.