Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24. September 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Sept 1956.
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief gestern hat mich so sehr erfreut, daß ich Dir unbedingt heute noch sagen muß, wie herzlich ich Dir danke. Ich habe ihn entschieden herbei gedacht, denn bei aller Unruhe hatte ich doch großes Verlangen von Dir zu hören. Ich bin vor allem nun beruhigt über Dein Befinden und hoffe, daß die Sonne noch weiter recht warm für Dich scheinen möchte, damit sie Dir noch möglichst viel Blutwärme für den Winter mitgibt. – Ganz überwältigt bin ich von der Menschenfülle, die sich da immer bei Dir einfindet.
Auch bei mir war es theoretisch in der Erwartung etwas viel, aber in der Praxis hat es sich sehr hübsch gestaltet. Ich hatte sowohl meine Schwester als auch Mädi mehrfach
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| allein für mich und im übrigen sind wir wiederholt von Carl im Auto spazieren gefahren worden. Er fährt so vorsichtig und ruhig, daß man sich dabei völlig sicher fühlt auch in unserem Fremdengewimmel hier. Sie wollten möglichst viel vom Neckartal sehen und so ging es SchlierbachNeckargemündDilsberg! – oben zu Fuß rund um die Mauer; und den Rückweg von Neckargemünd (über die neue Brücke) auf dem rechten Ufer zurück. – Am andern Tag über die Molkenkur auf den Königsstuhl, das war besonders durch den Wald sehr reizvoll, und oben wieder auf den Turm, leider nicht so schön wie bei Käthe Silber, aber sie hatten ja nicht so viel erwartet, wie ich, und waren sehr befriedigt. Am 22. ging es vormittags von Handschuhsheim durchs Mühltal auf den Heiligenberg, wo am Turm jetzt ein herrlicher Blick auf Stadt und Schloß sich ganz über
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|raschend in die Tiefe auftut; und nachmittag fuhren wir noch nach der Zeppelinstraße besahen den Neubau des Heims von allen Seiten und brachten dann Mädi an den Bahnhof; auf den Zug über München nach Venedig, wo sie ihren Mann treffen wollte, der in Süditalien zum Malen war. –
Alle waren immer sehr für eine Pause nach dem Essen, sodaß alles ohne Anstrengung ging. Überhaupt waren sie voller Rücksicht für mich. Zu den Malzeiten war ich fast immer zu Haus, und nur abends trafen wir zusammen in dem "Goldenen Engel" in der Hauptstraße (Ecke Märzgasse), wo sie ihre Hauptmalzeit hielten und ich je nach Neigung auch irgend etwas zu essen oder zu trinken bekam und zwischen 9 und 10 Uhr nach Haus gebracht wurde.
Es war alles nett und gemütlich und gestern abend nahmen wir dort Abschied und heut morgen wollten sie um 8 Uhr auf der Autobahn nach Hannover aufbrechen.
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Auf diese Art habe ich Umzug und sonstige Sorgen beiseitegeschoben und muß nun ernstlich an die Arbeit gehen. Dazu habe ich heute vormittag und nach Tisch gründlich geschlafen, nur später noch einen Besuch bei Heraucourts gemacht, die im Begriff sind, getrennt in Erholung zu fahren; die Mutter nach Orb, die Tochter nach Königstein. Bei ihr ist neuerdings eine Röntgenaufnahme der Kieferentzündung gemacht, die nun auf beiden Seiten konstatiert ist. Sie ist sonst im übrigen freier beweglich, schon in Rücksicht auf die selbständige Reise. Ihre bewundernswerte Energie hält immer noch vor.
Dagegen bin ich dauernd energielos und lebe in den Tag hinein. Der Umzug soll zwischen dem 7. u. 15. Oktober stattfinden. In den nächsten Tagen will ich mir nun definitive Klarheit in der Sprechstunde holen. Die Berichte über die Bestimmungen wechseln täglich. Das gedruckte
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| Blatt mit den offiziellen Bestimmungen, das mich etwas chockierte, würde ich Dir gern zu lesen geben, mag es aber jetzt vor den entscheidenden Beschlüssen nicht aus der Hand geben. Es ist sehr schade, daß aus Deinem angekündigten Besuch vor dem großen Ereignis, noch in dieser so ungern verlassenen Stube, nichts werden konnte! Die Zuschrift [über der Zeile] von der Mission bekam ich während Ruges hier waren, und da langte es nicht zum schreiben und ich schaltete alles Unliebsame möglichst aus, um fürs Angenehme aufnahmefähig zu sein. Nun muß ich sehen, wie ich durchkomme.
Du hattest auch Unangenehmes, wovon Du mir berichten wolltest, das wird wohl in den Hintergrund getreten sein, bis ich Dich wiedersehen werde! Das betrübt mich natür
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|lich, denn es ist mir wichtiger, als die eignen Lebensknoten.

24.X. Trotzdem steht täglich schon früh die Sonne am Himmel und auch der abnehmende Mond war noch zwischen den dichten Bäumen über meinem Balkon als weißes Wölkchen.
Ich aber will zu Besorgungen ausgehen und diesen Schmierbrief auf die Post bringen. Die Feder geht öfters anders, als ich will; aber ich hoffe Du entschuldigst es. Ich bleibe immer die Gleiche mit innigen Grüßen und Wünschen, und grüße auch Susanne und Ida herzlich.
Wann wirst Du Zeit haben zu kommen?
Deine
Käthe.