Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. September 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Sept. 56.
Mein einziger, geliebter Freund!
Habe Dank für Deinen lieben Gruß mit der "gemischten" Drucksache, von der ich Deinen Anteil gleich abends mit Freude wiederlas, denn das ist eine ehrliche Beschwerde über den Mißstand, unter dem ich stündlich leide. – Du wirst inzwischen meinem Brief gehabt haben, in dem ich Dir ausführlich die Ereignisse der Besuchswoche geschildert habe. Ich zweifle, ob Du zwischen den Zeilen gelesen hast, wie ich bei all den freundlichen Eindrücken doch immer auf noch bessere Stunden in naher Zukunft hoffte. Aber es scheint nicht so, als ob daraus etwas werden könnte und so werde ich mich wohl in der Praxis nicht nur mit dem Lesen über die Askese be
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|gnügen müssen, sondern sie recht gründlich üben. Ich wage nicht, Dich um einen Besuch zu bitten, denn Deine Pläne scheinen schon begrenzt zu sein; und Du sollst doch keine Anstrengung deswegen haben.
Bei mir gehen die Tage wie im Halbschlaf vorüber, denn trotz bewußter Schonung war ich nach der Abreise der Familie sehr ermüdet. Schon das stundenlange Autofahren mit den vielerlei Eindrücken war doch recht ungewohnt. Es war alles wie eine fremde Welt.
Dafür ist mir nun das Nächste umso bedrohender nahe gerückt. Ich schrieb doch hoffentlich neulich, daß das neue künftige Heim am 7. Oktober eingeweiht werden soll, und daß in der darauf folgenden Woche der Umzug stattfinden soll. Nun ist am vorigen Mittwoch bekannt gegeben, daß die Verwaltung das "Ganze" befördern will.
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| Aber ich hatte die Absicht, lieber meine Sachen gesondert zu schicken. Ist Dir das recht? Meine Möbel und Bücher sind durch die vielen Transporte schon so mitgenommen und ich fürchte da wohl mit Recht allerlei Verwechslungen. Ich war schon im Begriff, wieder mit dem Spediteur zu verhandeln, da wurde lebhaft abgeraten. Aber meine Nachbarin, Fr. Müller hat schon für den 10. Okt. einen Vertrag abgeschlossen. – Einstweilen bin ich nur bemüht, möglichst Sachen aus den Schränken abzustoßen, und trotz vielseitigen Angebots von Hülfe ist schwer jemand zu einer festen Verabredung zu bekommen. Nur Hedwig M. und die Frau Moser aus Peterstal waren bereit für je einen Tag. Aber mir selbst fehlen die Initiative und praktischen Gedanken zur Ausführung. Ich bin eben ganz unfähig geworden durch die vielen Chocs der letzten Jahre, und der Kopf versagt.
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| Auch im Täglichen muß ich fortwährend etwas suchen, und erschrecke dann: ich hätte etwas verloren oder versäumt. –
So war auch das hübsche Kärtchen vom Kümmelbacher bereit gelegt, um am 31.8. zu Dir geschickt zu werden und war dann verschwunden. Später tauchte es von selbst wieder auf – aber so geht es oft. Mein Gedächtnis ist wie die Kinoleinwand, nur ein Bild für den Augenblick. – Wenn Du nicht bald einmal wieder kommst, bin ich vermutlich ganz versimpelt – (nicht nur Halbsimpel!)
Jetzt gehe ich noch zur Hauptpost und hoffe, daß dieser Brief morgen bei Dir ist. Nach zwei Tagen mit Regen ist heute wieder nur leicht bedeckter Himmel und die Sonne scheint mir aufs Papier. Möge sie auch Dir scheinen und Du Dich wohl fühlen. Ich hätte noch viel zu sagen, aber heut geht es nicht, und außerdem drängen <li. Rand> so manche längst fälligen Schulden. Sei innig gegrüßt und grüße auch von mir.
<Kopf>
Immer
Deine Käthe.