Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./4. Oktober 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 3. Okt. 56
Mein geliebter Freund!
Gestern kam Dein lieber eingeschriebener Brief, für den ich Dir in jeder Beziehung innig danke, natürlich vor allem für seinen schriftlichen Inhalt. Was aber die Verjüngung betrifft, so beschränkt sie sich nicht nur auf die Orthographie, sondern mit dem Rechnen steht es noch übler! Soeben habe ich mit stundenlanger Mühe festgestellt, daß die Kasse stimmt – (liebes Ehrenmitglied für Spr. u. D.)!
Es sind überhaupt recht mangelhafte Tage eben, und das Beste daran ist, daß der üble Umzug verschoben ist; ohne Zeitangabe! Es ist wie überhaupt jetzt, der Neubau ist noch nicht fertig, und die Handwerker noch im Haus. Aber am Sonntag, d. 7. findet die Einweihung statt, mit Predigt in der Handschuhsheimer Kirche und anschließender Besichtigung. Beides auf einmal wäre mir zu viel; ich
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| denke bald [über der Zeile] danach mal mit Hedwig M. hinzugehen, auch um die künftigen "Hauseltern" kennen zu lernen. Er sei Diakon.
Über die Zweckmäßigkeit des gemeinsamen Transports kann ich zu keiner Einsicht kommen. Denn erstlich haben verschiedene Mitbewohner sehr wenige und geringe Sachen und fast alle packen ihre Sachen selbst. Das kann ich nicht mehr und habe auch keine Kisten oder Körbe; denn die Unterbringung auch nur eines Koffers auf dem Boden wurde [über der Zeile] hier abgelehnt. So stehen meine Sachen noch immer auf dem Speicher in Rohrbach, in der planlosen Art, wie Hermann sie zurückließ. – Hier bin ich nun bestrebt, alles, was irgendwie möglich ist, abzustoßen. Die Monatsfrau, (Vertriebene mit der hübschen Tochter und dem Maurer als Mann!) hilft mir dabei. Von den Freunden sind alle selbst viel in Anspruch genommen, [über der Zeile] oder krank aber Hedwig M. ist doch sehr bereit, so viel es geht.
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Wegen des Lehnstuhls hatte ich der Schwester von Frl. Ingold geschrieben. Aber ich müßte sie hier über Einzelheiten sprechen können und sie wollte Möbel und Bettstücke, die ihre Hülfe brauchen, gleich abholen lassen, und ich wäre dann ratlos. So denke ich, man zieht damit um, wie es ist und macht dann von dort, was möglich ist.
Der Aufschub ist hier allen sehr erwünscht. Von dem vorigen Umzug habe ich alle Rechnungen noch da und auch Deine guten Ratschläge wohl behalten. Aber da man über die Art, wie die gemeinsame Beförderung stattfinden soll, erfahren wir garnichts. Ich würde ja sehr gern diese billigere Methode benutzen, wenn man nur etwas darüber gesagt bekäme! Am Dienstag war ich um ¾ 9 in der Sprechstunde von Missionar Guther, wartete allein ¾ Stunde, bis auf Mahnung der Schwester derselbe aus dem Nebenzimmer kam, wo er dienstlich zu verhandeln hatte, und in großer
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| Eile keine Zeit hatte, mich anzuhören. Ich hatte schon vordem erklärt, lieber selbständig handeln zu wollen. Aber ich hätte doch Näheres über die Art des Transportes wissen wollen. Bei alledem hat man den Eindruck, sie wissen es selbst nicht. —
Darum bitte ich Dich herzlich, schicke kein Geld. Ich habe außer dem, das im Brief war, noch über 200 Mx im Haus, und kann auch vom Sparbuch (mit Kennwort!) abheben, so oft ich will. Dasx ist aus der Zeit erspart, als ich noch von Deinem monatlichen Geld erübrigte. – Aber für mich handelt es sich ja garnicht darum, zu tun, was ich "will"! Ich möchte nur das Vernünftigste tun, aber: ich kann nicht selbst packen; und jede nähere Auskunft fehlt. Alle Welt ist nervös und überlastet. — Glaube mir, ich überschätze die Wichtigkeit dieser Dinge nicht, aber "stoische Ruhe" kostet auch Kräfte, und mit denen ist es nicht weit her, und vor allem fürchte ich zu versagen, und das Verkehrte zu machen.

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Forts. 4. früh
Auch der äußerlich glatte Verlauf der Besuchstage war ja nicht eigentlich inneres Erlebnis und nicht, wie Du meinst, ein Wiedersehen liebgewordener Stätten, sondern für mich eine fremde überraschende Welt mit einzelnen erfreulichen Natureindrücken im raschen Vorübergleiten, neben dem Wagenführer sitzend, wie etwa im Kino. Bei Käte Silber war es vertrauter, die Fahrt mit der Bergbahn und der ungewöhnlich stimmungsvolle Blick vom Turm auf dem Königsstuhl. Mit Ruges fing es auch auf meinen Vorschlag mit der Bergbahn an. Aber auf der Molkenkur fiel mir erschreckend ein, daß ich vielleicht zuhaus die elektrische Kochplatte nicht ausgeschaltet hätte, und so fuhren wir wieder runter und kontrollierten die Sache, die zum Glück in Ordnung war und dann fuhren wir mit dem Auto. Ich liebe das nicht sehr, schon das Hineinkriechen in den Kasten, bei dem ich anfangs immer mit dem Kopf anrannte. Auch der Dilsberg war fremd. Schon die Einfahrt in die Hauptstraße, wo der Wagen abgestellt wurde und ich vergeblich nach unserm Gasthaus bei der Burg ausblickte. Carl untersucht stets die Gegend rund um und fand einen Ausweg aus der Mauer, von wo sie alle zwischen Büschen auf einen Weg abwärts kamen.
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| Ich folgte nur zögernd und griff mit der Hand in einen Strauch, um mich zu stützen, da bekam ich einen scharfen, stechenden Schmerz zwischen den Fingern, den ich weiter nicht beachtete, der sich aber am nächsten Tage zu einer störenden Entzündung entwickelte. Es war eine Infektion, die aber mit Puder (Sterosan) rasch nach mehrerem Aufflammen heilte. Da man wenig mit Wasser daran kommen sollte, war es aber hinderlich, wenn auch im Grunde nichts Bösartiges, wie ich natürlich anfangs fürchtete. – Die menschliche Begegnung war durchaus freundlich, im Gegensatz zum letzten Besuch von Hermann, den ich mit falschen Erwartungen empfangen hatte und nicht gerecht beurteilte; aber auch dies war nicht "unser Heidelberg". Aber Du bist mir ja immer gegenwärtig in guten und bösen Stunden, mahnend und helfend. Das ist die stille Welt, in der ich lebe. So ist mein Leben reich, und ich bin im tiefsten Herzen dankbar und glücklich in dieser unlöslichen Verbundenheit.
Und nun verzeih manches Schmieren und Verschreiben, ich möchte nur den Brief noch vor 13 Uhr in unseren Kasten tun. Ich habe mein Herz doch etwas erleichtert; wenn auch noch allerlei Mißgeschick lastet, das ich nicht ausführlich schreiben möchte. Vielleicht ist es in absehbarer Zeit mal mündlich möglich.
<li. Rand> Herzlichste Grüße und gute Wünsche! Wo wohnst Du in Bonn? (nur wenn Eile nötig wäre!) <Kopf> Und grüße, bitte, auch von mir vielmals.
Immer Deine
Käthe.