Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7./8. Oktober 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7.10.56.
Mein geliebter Freund!
Der "Sonntag" hatte gestern schön angefangen durch Deinen lieben Brief, der eine recht nötige Herzstärkung für mich war und für den ich Dir viel, vielmals danke. Du hast so viel Verständnis für die Schwierigkeit der gegenwärtigen Situation für mich und Deine Ratschläge leuchten mir sehr ein, kamen zum Teil meiner eignen Ansicht völlig entgegen und ich werde morgen oder übermorgen Gelegenheit suchen, Herrn Guther zu verständigen, daß ich mich dem Gesamttransport anschließen möchte und seinen Rat suchen.
Aber daß Du meinst meine Besorgnisse über die eigne Unzulänglichkeit seien falsch ist eine zu schonende Auffassung. Sie ist schmerzliche Tatsache, teils Nerven- teils Altersschwäche, und Zusammennehmen hilft dagegen nicht viel. Daß die Heimleitung so schweigsam ist, scheint mir im Grunde darauf zu beruhen, daß sie in Verlegenheit sind durch verzögerte Fertig
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|stellung des neuen Hauses, wie das heute sehr häufig ist durch ausbleibende Lieferung und unpünktliche Handwerker. Heut war nun Einweihung, mit Gottesdienst in der Handschuhsheimer Friedenskirche und erste Besichtigung des Phil[über der Zeile] ippushauses. Ich war mit 2 andern hiesigen Insassen nicht dabei, denn es war ganz abscheuliches Wetter mit Sturm und Regen. Auch wäre mir beides zu anstrengend gewesen bei der Kälte draußen und in der Kirche. Hier im Zimmer tut mir das elektrische Öfchen sehr wohl, denn in den eisernen Ofen gibt es nur Holz und 1½ Briketts.
Sehr bedauerlich ist mir, daß wahrscheinlich der Besuch von Gretel Schwidtal, die ich besonders gern mag, ausfallen muß. Sie hat sich für den 15.–16.X. angesagt. Aber wenn uns der Umzug in dieser Woche bestimmt wird, muß ich ihr leider absagen. Es läge so viel gemeinsames Geschehen vor in der Zeit seit unserm letzten Zusammensein, der Tod ihrer Schwester und von
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| Walter und die veränderten Umstände ihres Lebens. — Daß Mutter und Tochter Héraucourt in Sanatorien sind, in Orb und Königstein schrieb ich wohl schon; ich hatte aus Orb eine Karte voll Zuversicht. Möge das begründet sein. – Aber die Nachricht über Frau Tierok scheint mir sehr ernst.
Und unerfreulich ist mir, daß Du keine Schreibhilfe hast. Ist da augenblicklich Mangel bei Euch? Natürlich kann man nur jemand mit guter Empfehlung in solcher Vertrauensstellung brauchen. –  – Was sind das denn für merkwürdige Briefmarken, die Du eben hast? Ich phantasiere da allerlei von eisernem Vorhang und unzulänglicher Brücke!!
War der Mohr, der Freund von Louvaris sehr schwarz? Hier laufen sie in allen Schattierungen männlich und weiblich herum, manche wie blank gewichst!

8.10. früh. Jetzt bist Du vermutlich schon unterwegs nach Bonn, und wir hier haben noch immer keine Auskunft. Meinen Gedanken sind mit
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| vielen treuen Wünschen bei Dir, gute und bequeme Fahrt und keine neue Erkältung!
Innig und treu
Deine
Käthe.