Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Oktober/1. November 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 31. Oktober 56.
Mein geliebter Freund!
Es wird nur ein Versuch bleiben, aber ich möchte doch im alten Monat noch versuchen, von den Erlebnissen dieser Tage zu berichten. Zunächst aber: wie seid Ihr neulich zum Bahnhof gekommen? hat es mit dem Zuge geklappt? — Ich bin jetzt in der neuen Umgebung bekannter geworden und finde meinen Orientierungssinn wieder. Lange Tage war es mir, als wäre ich in eine ganz neue, fremde Welt versetzt. Dabei bin ich doch früher schon öfters in dieser Zeppelinstr. gewesen, etwas weiter nach Norden zu, wo die Knapsschen Verwandten wohnten, die mir zum Einzug die schöne Schale mit Obst schickten. Jetzt habe ich wieder Posto
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| gefaßt und lasse mich nicht mehr von Hedwig dirigieren. Sie war auch schuld, daß ich Euch noch im letzten Moment die Blumentalstraße anriet; aber ich hoffe, es hat Euch nicht unnötig aufgehalten.
Es gibt hier zwei Frauen, die mich mit Namen ansprachen, aber sie gefallen mir nicht besonders; dagegen wohnt eine drei Türen weiter im Gang, von der ich mir was verspreche. Im allgemeinen ist das Niveau recht bescheiden, aber der Redeschwall bedeutend und der Lärm des Geschirrs auf den weißen Tischplatten betäubend. Aber das Essen ist gut, also nimmt man die unerfreuliche Methode in den Kauf. – In meinem Zimmer rückt sich alles allmälich zurecht, und alle finden es schon recht gemütlich. Noch sind keine Bilder aufgemacht und morgen ist Feiertag, da wird es zum Wochenend kaum dazu kommen. Und die Bücher stehen noch im wilden Durcheinander und ich muß mich auch noch bemühen, den Kleinkram von Kästen und
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| Schachteln unterzubringen, denn auf dem Boden darf nichts stehen, wegen der Behinderung beim Putzen. Aber ich lasse mir Zeit und sitze oder liege auf dem Lehnstuhl, versuche einen Blick in die Zeitung oder besehe mich von innen. Ich habe schrecklich viel Geduld und jede Tätigkeit geht entsetzlich langsam.

Am 1. Nov. Seit 3 Uhr scheint wieder die Sonne so angenehm in mein Zimmer, und ich würde gern ausgehen, wenn nicht Hedwig Mathy ihr Kommen angesagt hätte. – So will ich Dir nur rasch erzählen, was Du an Hand der Skizze des Stadtteils verfolgen kannst. Der nächste und angenehmste Weg zwischen uns ist durch die Mozart-Str., die roten Punkte sind wir, und der Punkt an der Bergseite beim Kapellenweg sind Franzens, also wirklich nah bei einander. Die Bahn zur Stadt ist rot angezeichnet, läuft um die so viel erwähnte Tiefburg und hält auch am Kapellenweg. Dorthin durch die Richard-Wagner Str. ist nicht so angenehm, weil an der Haltestelle drei belebte Straßen kreuzen. Aber an der R.W.Str. wohnt Drechslers "Tante Lang", die mich anrief, als ich vorbeiging und mir erzählte, daß der Dr., jetzt Professor, am 1. Dez. in Köln seine
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| Antrittsrede halten wird, Vorlesungen aber erst zum April? beginnt, da er noch an "seinem Buch" arbeitet. Thema nicht genannt. Er ist nun also endlich über die Wartezeit hinaus.
Bei mir ist ja nun auch eine gewisse Ruhe eingetreten, nachdem ich nicht mehr jeden Gegenstand in die Hand nehme mit dem Gedanken: wie muß er verpackt werden. Und alles, was unerledigt blieb hat den Charakter der Eile verloren. Auch der geliebte, bequeme Lehnstuhl. Vielleicht findet sich doch auch hier ein Tapezierer, der empfohlen wird. Auch so unvollkommen freut er mich täglich.
Von dem Verbleib der Truhe habe ich noch nichts gehört. Hoffentlich ist sie gut angekommen. Es war auch garzu viel für meinen schwachen Kopf, das gleichzeitig erledigt werden mußte.
Aber heut will ich nun diesen Gruß, der so unpersönlichen Inhalt hat noch in den nahen Postkasten stecken und ein wenig an die Luft gehen. Ich denke immer wieder in froher Dankbarkeit an Euer Kommen, es war beinah so wie damals auf Deiner Durchfahrt nach Tübingen. Grüße Susanne herzlich
<Kopf>
und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.