Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. November 1956 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 7. Nov. 1956.
Mein geliebter Freund!
Wenn auch zu einem Brief noch Kraft und Ruhe fehlen, will ich Dir doch wenigstens ein paar Zeilen schreiben, um Dir zu danken für den lieben Brief vom 5. Nov., der mich zugleich erfreute und betrübte, und ebenso zu danken für das Geld, das pünktlich (mit briefl. Ansage) bei Hedwig (und bei mir) ankam. Ich bin jetzt sehr reichlich versorgt, umso mehr als ich hier noch keine Rechnung zu bezahlen hatte. Es ist durch die Umrechnung von der Anlage her eine gewissen Konfusion eingetreten, und so steht unsre Berechnung noch aus.
Du hattest durch Dein dringendes Verlangen nach der Tiefburg auch in meinem Kopf eine Extra-Verwirrung angerichtet. Seitdem habe ich in Erfahrung gebracht, daß man noch eine Straße weiter links an eine nähere Haltestelle kommt, aber ich scheue die etwas, weil dort eine breitere Straßenkreuzung ist durch eine Abzweigung der Elektrischen.
Die Grundstimmung Deiner lieben Zeilen teile ich völlig, sie liegt eigentlich schon lange über mir. Wenn nachts durch den breiten Fensterspalt das
[2]
| ferne Rauschen einer Eisenbahn zu mir dringt, dann meine ich, es sei wie damals in Kassel, wenn das Rollen der Militärzüge vom Wilh. Höher Bahnhof zu Augustastraße klang, und ich morgens in der Dunkelheit dorthin ging, um Kaffee auszuschenken. Und wie lebhaft ist mir unser Gang durch Konstanz noch im Gedächtnis! All dies ist viel mehr Gegenwart in meinem Kopf, in dem rein nichts mehr haften will und der mir das Dasein recht erschwert, durch viel aufgeregtes Suchen. Meist ist dann alles wie von selbst an der richtigen Stelle, denn ich bin doch "im Grunde" ordentlich. —
An das erwartete Kindchen bei Bährs denke ich oft. Möge es inzwischen ohne Komplikation auf dieser dunklen Welt erschienen sein! Ich fürchte, daß man in dieser Zeit der arbeitsscheuen "Hilfen" nicht die Möglichkeit hat, daß eine Frau in der ganzen Zeit der Erwartung liegen kann. Ich weiß, daß auf diese Art eine gesunde Geburt durchgesetzt wird. In zwei Fällen nach meiner persönlichen Kenntnis von früher.
Aber im Hause ist schon nächtliche Stille und so will auch ich Schluß machen. Hoffentlich kommt morgen der Installateur mit der Tischlampe. Ich gebe Dir Deine wiederholte Ermahnung zurück, sich nicht zu ärgern, sondern <Kopf> möglichst auf das Positive zu sehen, ich grüße allerseits <li. Rand> herzich, und bin immer in treuem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Das Kistchen wird per Spediteur von Hedwig Mathy befördert.