Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./13. November 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 12.11.56.
Mein geliebter Freund!
Deine lieben Briefe liegen vor mir, und der Wunsch nach Mitteilung ist immer da – aber womit soll man beginnen! Man verfolgt jede Stimmungsschwankung in den Zeitungsberichten und weiß doch, daß sie jeweils gefärbt sind. Man fühlt die Nähe einer schrecklichen Gefahr und kann doch nicht aufhören zu hoffen, daß sie vorüber geht. Es ist so tröstlich, wie Du sagst, daß nun die Menschheit ein neues Heil und einen neuen Frieden gewinnen müsse. Es ist doch solch allgemeine Friedenssehnsucht da und ebenso die Einsicht in die Notwendigkeit einer absoluten Weltkatastrophe, wenn wir auf diesem Wege der Zerstörung weitert reiben. So war es 1914 nicht, da war Willen zum Widerstand und
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| zur Selbstbehauptung. Ist der zu früh verpufft? Denn die Zerstörung ist ja nicht nur eine materielle, wir haben sie in der Gesinnung der Menschen erschreckend wachsen sehen, und wann wird die Mahnung der "geistigen Wächter" wirklich durchdringen und das Weltgewissen wach werden? Möchte doch Deinem Weckruf ein lebendiges Echo antworten!
Mit dem Seminar wird Dir, so hoffe ich, nicht nur Termin-Arbeit, sondern auch die Möglichkeit befriedigender Wirkung zuteil werden. Du wirst ja selbst fühlen, ob es den Einsatz Deiner Kräfte lohnt! Und hoffentlich kommt der Assistent zur Einsicht und bessert sich!
Mein tägliches Einerlei spinnt sich so unmerklich weiter. Es ist noch manches zu ordnen und zu ändern, und die Epoche in der Direktion der Schwester Maria war ein guter Übergang,
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| an den man dankbar zurückdenkt.
Aber trotz der nebligen und schlappen Witterung hat sich beinah täglich zwischen 2 u. 3 Uhr mittags die Sonne ein wenig sehen lassen, und auch heut ging sie wieder wie ein Goldstück in die Sparbüchse) zwischen Wolkenmassen unter. Mit dem Fenster bin ich leidlich zufrieden, habe viel frische Luft auf die alte Methode des Öffnens, denn die Heizung ist mir zu arg. Das wird bei stärkerer Kälte draußen besser werden. Das Haus ist ungemein laut und widerhallend, aber man gewöhnt sich.
Von meinen üblichen Besuchern fallen Héraucourts und Lotte Reinhard noch aus und Frau Buttmi war vorgestern leider vergeblich da, während ich beim Installateur war. Ich bekam da ein nettes Lämpchen für abends ans Bett, denn die große Glocke an der Decke hat mir ein unangenehmes Licht. Das war so viel hübscher an meiner vorigen Lampe. – Es ist wohl etwas nervös, daß mir die Augen viel weh tun, obgleich ich außer der Zeitung eigentlich nichts lese.
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Sehr gern wüßte ich, ob nun das erwartete Kindchen eingetroffen ist, und ob alles nach Wunsch ging. —  — Hier ist alle Welt mit dem Wetter und dem Befinden unzufrieden. Und Du? Geht es bei der regelmäßigen Arbeit leichter? Sind die unerwünschten Besuche seltener?

13.11. Rasch will ich noch viel herzliche Grüße anfügen, denn die Absicht heut noch weiter zu schreiben, wurde durch den Besuch von Frl. Dr. Clauß-Ahles, der Nachfolgerin vereitelt und dann war ich unvermutet eingeschlafen bis zum Essen!! Du siehst, ob freiwillig oder nicht: ich befolge Deine Anordnung! Aber es scheint eine wohltuende Sonne und hat den Blick aus dem großen Fenster beim Essen vergoldet. Hoffentlich tut sie das auch bei Euch: außen und innen. Also viele Grüße und gute Wünsche!
Von ganzem Herzen
Deine
Käthe.