Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. November 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg, 18. Nov. 1956.
Mein geliebter Freund!
Alles war heut Nachmittag bereit zum Schreiben auf meiner Sekretärplatte, da kam die Frau Kress, deren Tasche ich vor Jahren auf dem Friedhof neben dem Grabe von Knaps'ens fand, und blieb 1½ Stunden. Wir haben eigentlich garkeine gemeinsamen Gesprächsstoffe, und in meiner Bedrängnis ließ ich "einen Engel" nach dem andern "fliegen", aber es half nichts. Sie versicherte ich wohnte ja so gut in ihrer Nähe jetzt, und sie würde bald wiederkommen!!
Und so ist eigentlich alles im Augenblick. Bei Tisch wird lamentiert über das Befinden und allerlei sonstige Schwierigkeiten, mit dem Geschirr wird auf den harten Tischen gedonnert und hinter mir in der Teeküche krachen sie
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| am ärgsten. Heut ist überhaupt kein einziger Sonnenstrahl durch das Gewölk gekommen, und ich kam durch den Besuch überhaupt nicht vor die Tür, denn es gab schon um 5½ Abendessen. Die Mahlzeiten waren mit Rücksicht auf die Bedienung alle ½ Stunde vorverlegt.
Und ich wollte doch Deinen lieben Brief gern gleich beantworten, um Dir zu sagen, daß ich Deinen Auftrag sofort erledigte und so gut ich konnte an Willi Pramann weitergab. Ich hoffe, daß [über der Zeile] ich es, möglichst mit Deinen Worten, recht machte und hoffe, daß er das rechte Verständnis für die Sache hat. Ich schrieb auch, daß er seine Antwort an Dich direkt schicken möchte. So geht es doch am schnellsten, und ich glaube, es ist wohl in seinem Interesse, mit Dir in Beziehung zu kommen, wenigstens war das Mädis Wunsch, den sie mal äußerte.
Im übrigen richtet sich alles so nach und
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| nach ein, und ich bin im ganzen zufrieden. Briefe bekam ich von Aenne u. Hermann, und von Aennes Tochter Hilde Bauer, der geschiedenen jungen Mutter, meinem Patenkind. Meine Schwester hatte ihr einen Armring von mir mitgenommen, der ihr Freude machte.
Mit Hedwig M. wird jetzt ein regelmäßiges Zusammensein für den Freitagnachmittag verabredet, hoffentlich wird es sich nach Wunsch gestalten. Daß Du ihr schriebst, hat so offenbar erfreut und wirkte sich auch günstig aus für mich!
Besonders erfreut bin ich, daß das Kind bei Bähr's ohne Schaden für Mutter und Sohn nun zur Welt gekommen ist. Möge alles nun glatt weitergehen.
Und das hoffe ich vor allem auch für Dich, mein Unermüdlicher, den ich nur immer bitten möchte, Dir nichts über die Kraft zuzumuten, so glücklich es mich auch macht, wenn Du mir von einem echten, fühlbaren Erfolg
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| berichten kannst. Wenn ich das doch nur einmal miterleben könnte! Du hast keine Vorstellung, was ich hier an seichten Reden über mich ergehen lassen muß.
Wie gut, daß Du in Deinem Seminar mal wieder Verständnis findest. Die Äußerung vom Papst, die ich Dir beilegte, gefiel mir in ihrer Begründung, daß der Sinn für das Übersinnliche heute so schwach entwickelt wäre. Aber ich glaube doch, daß die Bewegung auch da wieder aufwärtsgehen wird.
Nun will ich aber diesen schlecht geschriebenen Zettel noch in den Kasten an unserem Gartenzaun bringen, damit er morgen um 6 Uhr abgeholt wird. 19½ ist schon wie Mitternacht hier im Haus!
Noch viele, viele herzliche Grüße und innige Wünsche für Dein Ergehen, auch an die Andern in No 12.I.
Deine
Käthe.