Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22. November 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.XI.1956.
Mein geliebter Freund!
Morgen hoffe ich, soll mir die Post Nachricht bringen von der Ankunft der Kiste bei Dir, die – soviel ich weiß – am 15. vom Spediteur bei Hedwig Mathy abgeholt ist. Es wird damit dann hoffentlich der letzte Sorgenstein von meiner so leicht beunruhigten Seele fallen, und [über der Zeile] ich kann dann beruhigt das Schlüsselchen an Dich schicken.
Es war heute ein wundervoll sonniger Tag und ich hoffe, es war bei Euch ebenso. Ich stelle mir dann gern vor, daß Ihr irgend einen netten Ausflug gemacht habt. Bei mir ist es mit den Unternehmungen schwach; ich genieße aber doppelt das Stück Himmel, das ich mir von keinem Vorhang verkümmern lasse, und das auch in den fensterreichen Speisesaal unbehindert zu überblicken ist.
Auch ausgegangen bin ich, habe mir auf dem
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| Plan die Wielandstraße gesucht und bin ihr nachgestiegen, um die Knapsche Enkelin aufzusuchen, die mir so schönes Obst zum Einzug schickte. Leider wußte ich die Nummer nicht, und so war mein Vorhaben vergeblich.
Von außerhalb bekam ich keine Nachricht, aber ich schrieb in Deinem Auftrag an Willi Pramann und hoffe, daß es den erwünschten Erfolg hat. Ich selbst kenne ihn ja auch nur wenig, nur soweit ich durch Mädi von ihm weiß.
Allmälig hole ich mir jetzt bei Hedwig die Kostbarkeiten ab, die ich während der Auflösung des Umzugs bei ihr unterstellte – Drucksachen und Briefe! Da bin ich zunächst wieder an das Büchlein von "Eigengeist der Volksschule" gekommen. Es ist so überzeugend geschildert, wie stufenweis ein lebendiges Weltbewußtsein im Kinde wach gerufen werden soll, nicht ein blindes Lernen und Wiederkäuen. Es wird jetzt wohl weniger als je solch geistige Grundlage vom Elternhaus mit
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|gebracht. — Ich suchte bei den letzten Drucksachen vergeblich nach dem kleinen Aufsatz: "Wider den Lärm", der so ungeheuer zeitgemäß hier für mich wäre.! Ist das vielleicht derjenige, den ich zurückschicken mußte? Die Rücksichtslosigkeit gegen die Nerven anderer ist hier grenzenlos.
Vorläufig wage ich mich noch nicht daran, die Bücher wieder in die gewohnte Ordnung zu bringen, es gäbe eine große Räumerei, und es ist auch sonst noch immer allerlei aufzuräumen und zu beseitigen, bis man nur das Notwendigste in dem engen Raum um sich hat.

22. Nov.  Nun ist leider nicht die Meldung des Frachtguts (Eilgut) gekommen, wohl aber die Auskunft von Willi Pramann, die er leider an mich richtet. Aber Du siehst ja aus der Tonart seines Berichts, daß er wohl mit Verständnis auf die Anfrage eingeht. Mir tut es leid, daß er Dir nicht direkt schrieb, denn es wäre für ihn doch nur günstig Kontakt mit Dir zu gewinnen. Ich schicke
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| Dir seine Zeilen wendend und habe also nichts mehr damit zu tun, und "vergesse" diese "vertrauliche" Kenntnisnahme. Ich würde mich freuen, wenn die Angelegenheit für den Betreffenden positiv ausginge.
Also – auf Wiederschreiben! Hoffentlich tut Dir auch die Sonne und die Farben wohl und Du atmest auf – wie ich. Grüße herzlich von mir und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.