Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. November 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Nov. 1956.
Mein geliebter Freund!
Jetzt soll aber endlich der kleine Schlüssel an Dich abgehen und dazu gehört natürlich ein Brief! Aber Briefschreiben ist bei mir ganz aus der Mode gekommen, denn ich muß mich noch immer vom Umzug erholen!! Sehr froh bin ich aber, daß der Kasten mit den mancherlei Drucksachen, die Dir wichtig zu sein schienen, gut bei Dir angekommen ist. Über den Inhalt kann ich Bestimmtes nicht aussagen, ich habe ihn seit Jahren nicht mehr geöffnet, denn seit ich nicht mehr die Tür meines Zimmers beliebig verschließen kann, scheue ich mich, Dinge auszubreiten, die mir wichtig sind. Denn auch ein eiliges Wegpacken bringt Verwirrung, weil ich dann vergesse, wo ichs hintat. Du weißt: "es langt nicht mehr".
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| Aber daß die Vermittlung von Willi Pramann Dir nützen konnte, war mir eine Freude. Mir machte sein Schreiben einen ehrlichen, zuverlässigen Eindruck. Ich kenne ihn ja nur ganz wenig, und bin ihm seit Jahren nicht begegnet. Ob die Lehrerbildungsanstalt in Bielefeld den Professorentitel verleiht, weiß ich nicht, will es aber mal ergründen.
Dein guter Rat wegen der Bücherräumerei ist leider nicht das, was mir helfen kann. Denn Ordnung hatte ich, es fehlt nur an Platz, und ich muß sichten, was ich aussondern will, herauszusuchen. Einen Tisch mit Ungeordnetem stehen zu lassen, wäre bei der Enge meines Zimmers unerträglich. Aber mit der Zeit wirds schon werden.
In Stuttgart ist augenblicklich auch die "Wahrsagersche" zu einer Operation. Ich hoffe in den nächsten Tagen bei Frau Mehner zu hören,
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| wie es verlaufen ist. –
Ob bei Euch auch der beginnende Frost wieder in Sturm und Regen umgeschlagen ist? Ich fürchte es. Aber interessant ist der Wechsel am Himmel, den ich so ungehindert von meinem Fenster aus übersehen kann. In direkte Verbindung mit der freien Luft komme ich nur bei Besorgungen in der Nähe, sonst lüfte ich viel, um die ständige Heizung zu ertragen.
Ich bin garnicht unternehmend und halte es für richtig und nötig, dem nachzugeben. Es wird von selbst mit dem Befinden wieder besser. Und das möchte ich Dir doch auch raten. Beklage es doch nicht, wenn Du mal keinen so unaufhörlichen Schaffensdrang hast. Es fehlt vielleicht am Objekt, das ihn auslöst. Du schriebst doch vom Seminar, daß Du zuversichtlich anfingst; von dem gelungenen Vortrag über das Metaphysische, so streust Du unablässig lebendige Anregung aus!

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29.XI. Im Anschluß daran muß ich Dir doch mal wieder sagen, wie ich immer Verlangen habe, möglichst viel von Deinen Arbeiten auch kennen zu lernen. Du schriebst vor nicht langer Zeit, daß eine ganze Reihe im Begriff sei zu erscheinen, aber gesehen habe ich noch nichts davon. Es sind ja oft Sachen, die in einem größeren Zusammenhang gehören; aber die Einzeldrucke schickst Du mir ja immer!
In meinem augenblicklichen passiven und reizbaren Zustand kann ich besonders gut Deine Mißstimmung mitfühlen, aber es ist ja ein ewiger Kampf der Selbstüberwindung im Leben. Dann tut sich wie von selbst ein neuer Weg auf. Hinter allem aber steht ja bei mir ein unzerstörbarer Inhalt, in dem ich immer wieder neue Kraft finde, und der kam mir von der wunderbaren Verschlungenheit unsrer Lebenswege, die ich täglich als Verpflichtung und immer gleiches Glück fühle. Sei innig gegrüßt, und grüße auch herzlich von mir alle, an denen ich durch Dich Anteil nehme!
Deine Käthe.