Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Dezember 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Dez.1956.
Mein geliebter Freund!
Ein Tag nach dem andern sinkt in die Vergessenheit, ungezählt. Aber nun ist schon von Dir bei Hedwig Mathy die Geldsendung eingetroffen, die ich mir unerwartet bei ihr abholte. Ich danke Dir sehr herzlich, und wollte das auch schon seit 2 Tagen schreiben, aber ich dachte bei jeder Post: einen Brief zu bekommen, doch es war nichts damit. Ich hoffe nur, daß meine Epistel mit dem kleinen Schlüssel bei Dir eingetroffen ist! – Ich wüßte doch so gern, wie es Dir geht! Es ist die Zeit des Jahres, die Dir von jeher schwer zu ertragen war und ich freue mich über jeden überwundenen Tag, denn es ist dieses Jahr besonders schwer.
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Aber Du hattest ja wieder Reisepläne! War es etwas Besonderes, was Euch gerade in die Schweiz lockte? Dann müßte es eigentlich ein Ort über den Wolken in sonniger Klarheit sein!
Um mich herum ist eine beständig erneuerte oberflächliche Ordnung, aber zu Weiterem schwinge ich mich noch nicht auf. Auch etwas weitere Wege als die um zwei oder drei Straßenecken unterbleiben vorläufig. Im Zimmer habe ich immer die besten Absichten, aber schon auf [über der Zeile] der Treppe läßt das Tempo nach, und auf der Straße sind die Füße wie Blei. Es ist ja auch niemand da, der mich begleiten könnte. Alle Bekannten sind irgendwie verhindert und hier ist niemand, der mich verlocken könnte. – Am vorigen Sonntag war
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| ich bei Frau Buttmi eingeladen, freute mich auf ein ruhiges Plauderstündchen. Aber ich erfuhr gleich, daß auch Frau Heinrich und ihre Schwester kommen würden und gerade diese reizt mich immer durch gewohnheitsmäßigen Widerspruch. Es ist ihre Art lebendiger Unterhaltung. Ich war frühzeitig gekommen, denn der Weg ist weit und die Verbindung unsicher. So muß man etwa eine Stunde rechnen, und sie kamen erst etwa um 16½ und ich mußte um 17 Uhr spätestens fort. Natürlich wird man dann noch zu bleiben genötigt und es gibt eine Hetzerei. Das ist doch nicht "unsere Art," und verdirbt ist Stimmung.
Mit Hedwig M. ist jetzt ein Zusammenkommen für jeden Freitag nachmittag verabredet, sie möchte wechseln, bei sich und bei mir. Ich bin aber mehr dafür, daß sie zu mir zu einem guten Kaffee kommt, und sie ist auch dazu
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| im Notfall bereit.
Einmal hatten wir vor 2 Wochen eine Andacht von Missionar Guther, der, wie ich höre, jetzt die oberste Leitung der Stadtmission sein soll. Er hat für meine Auffassung stets eine menschlich warme Auslegung des jeweiligen Bibelworts, und mir war das s. Z. an der Anlage entschieden wertvoll. So wird es hoffentlich auch hier weiter wirken bei [über der Zeile] oder besser trotz der übrigen Überfütterung.
Bisher bin ich hier noch sehr vereinsamt, und durch die starke Erschöpfung der Kräfte auch nicht imstande zum Briefschreiben. So häufen sich die Briefschulden.
Und Du, mein geliebter Freund, mußt leider Nachsicht haben, und ich kann jetzt nur noch in Eile einen sehr herzlichen Gruß einfügen, denn ich wurde von Frl. Seidel im Schreiben unterbrochen. Mit nochmaligem Dank und allseitigen Grüßen bin ich in stetem Gedenken Deine Käthe.