Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. Dezember 1956 (Heidelberg)


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<Dem Orginalbrief liegt ein gepreßtes herzförmiges Blatt bei>
Heidelberg. 18. Dez. 56
Mein geliebter Freund!
Dein lieber Brief vom 16. hat mir etwas zwiespältige Gefühle geweckt. Daß sich das Weihnachtsprogramm etwas gelichtet hat, ist vielleicht ein Gewinn an Ferienruhe, aber bei dem milden Wetter hättet Ihr vielleicht doch etwas riskiert! – Für mich wird es nicht sehr lebhaft werden, und das ist mir nur lieb. Die häusliche Feier wird schon am 21. um 3 Uhr stattfinden, und ich bin überzeugt, daß man sich alle Mühe gibt. Und ich auch! Aber freuen tue ich mich doch auf eine Familienfeier bei der Schwester von Hedwig Mathy, Frau Franz und Tochter Gretel, da wird es hoffentlich etwas gute Musik geben.
Aber schmerzlich ist mir, daß ich diesmal garnichts zu schenken habe. Sogar den üblichen
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| Wochenkalender habe ich nicht zustande gebracht. Es wollte mir nichts gelingen. So kommts vermutlich ohne den geplanten Schmuck.

19.12. Jeden Tag zeichnen abends die Düsenjäger ihre Bogen und Linien an den Himmel und ich sehe auf dem freien Stück, das durch mein Fenster sichtbar ist, wie die Abendsonne die verschlungenen Linien rot und golden färbt. Das könnte ein aesthetischer Genuß sein, aber selbst das ist heut ein Warnungszeichen! –
Aber ich hatte auch ein paar gute Erlebnisse! Hedwig Mathy kam und brachte mir – das Heftchen "vom stilleren Leben"; ich wußte nicht, daß ich es ihr mitgegeben hatte, als wir neulich beim gemeinsamen Lesen unterbrochen wurden. Und von Dir kamen dann auch der liebe Brief
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| und das dicke Buch mit Deiner Einführung "Über die Rolle des Buches – – ", das war eine echte Adventsfreude, und ich vertiefe mich täglich abends in Deine Gedanken. Wenn ich nur auch immer gleich mit Dir von allem reden könnte, was Deine Worte in mir anregen! Aber wenigstens hoffe ich, mit meinen Bibliothekarinnen Deinen Aufsatz zu lesen, – wann?? Lotte Reinhard ist noch krank und schweigt, und Hanne Héraucourt sagte ihr Kommen in dieser Woche ab.
Es ging mir eine Weile gesundheitlich nicht so gut. Aber das ist nun wieder gebessert. Man muß sich eben an die neuen Bedingungen anpassen.
Und das tue ich, so viel ich kann nach Deinen eindringlichen Vorschriften. Auch in Betreff der Ausgänge in die Stadt, die sich natürlich nicht absolut vermeiden lassen.
Aber nun will ich nur noch vielen Dank
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| für all die Zeichen Deines treuen Gedenkens sagen, und eine Ausbeute symbolischer Blättchen von meinem "Osterspaziergang" bei herrlichem Wetter an der Bergstraße beilegen.
Grüße herzlich von mir, Dir noch besonders gute Wünsche und innige Grüße von
Deiner
Käthe.