Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./30. Dezember 1956 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.12.1956.
Mein geliebter Freund!
Das liebe Kalenderchen, der Brief vom 22., die Karte aus Alpirsbach, das Versprechen herzukommen, wann es auch möglich ist, alles hat mich innig gefreut. Auch der Artikel zur "Bücherei und Bildung" beschäftigt mich noch, und ich hoffe ihn an Interessenten vom Fach! weiter zu geben — lauter Grund Dir herzlich zu danken. Aber, wie jetzt öfter, ist auch diesmal ein Schatten dabei, und sogar ein recht wesentlicher! Wie wird die Diagnose am 1.1. lauten?! Auf alle Fälle ist meine Teilnahme nicht nur bei der armen Patientin, sondern auch sehr lebhaft bei Euch. Denn woher findet man Ersatz für den häuslichen Betrieb? Überall (auch hier) fehlen die Leute, die solche Mühe
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| nicht als unter ihrer Würde achten.!
In Alpirsbach wird Dir hoffentlich mein Gruß an Susanne gesagt haben, daß ich Euch in Gedanken begleitet habe. Der Schnee ist leider nicht ausgeblieben. Aber hoffentlich hast Du Deine Augen mit einer Blendbrille geschützt. Die hübsche Karte der Klosterkirche gibt mir das gegenwärtige Bild, das ich ja nur im Sommer kenne! – Dein unendlicher Fleiß im Schreiben ist mir zwar vorbildlich, aber es bleibt platonisch – nicht einmal den Geschwistern habe ich geschrieben, hole das erst jetzt nach. Aber bekommen habe ich, in Person und schriftlich, im ganzen 24 Zeichen freundschaftlichen Gedenkens. Ich habe mir eine Liste angelegt, um mich auch entsprechend bedanken zu können.
Wie die Weihnachtstage verliefen, habe ich wohl geschrieben. : Am 21.12 eine würdige Feier im Haus, mit guter Musik. Am 23. bei Franzens,
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| wo uns Gretel Franz zum Schluß ein richtiges Conzert spielte: Bach, Beethoven, Brahms, Schubert und Schumann – sehr schön und zu Herzen gehend. Sie selbst scheint wieder ganz gesund, und ist eine sehr geliebte Lehrerin. – Am 25. bei Mutter und Tochter Héraucourt, denen es leidlich normal geht. –
Unter den Päckchen freute mich besonders Rudi, der jüngste Sohn von Onkel Hermann, der mal mit der Frau nach Heidelberg kommen will und den Gisela Gaßner getreu ihrem Familiensinn sogleich eingeladen hat.
Auch Hildegard Held, und Grete Eggert haben sich eingefunden. – Daß Gretel Schwidtal für drei Stunden auf der Durchreise da war, schrieb ich wohl schon. Und so hatte ich viel wirkliche Freude, aber trotzdem garkeinen Unternehmungsgeist.
Du schreibst davon, daß "der neue Arzt" die Mittel für Dich abgeändert hat, und Du jetzt Weißdorn einnimmst. Das verursache aber
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| große Schläfrigkeit und Schwäche. Das ist ganz mein Zustand, seit ich hier bin. Hoffentlich werden wirs alle beide bald überwinden. Daß ich jetzt Frl. Clauß Nachfolgerin als Arzt habe, weißt Du ja. Der Wechsel ist ebenso wenig freiwillig, wie der des Heims. Sie sind alle jetzt überlastet und gehetzt.
Immerhin glaube ich, daß ein Schlafbedürfnis eine normal Reaktion ist, und das man es möglichst nutzen soll. – Die Methode des "so zu tun, als ob man es nicht wäre", habe ich hier schon gründlich geübt. Aber ich bin mehr wieder zu einem "sich abfinden" übergegangen.

30.12. Die ganze Nacht über hat der Sturm am Rolladen gerüttelt und jagt noch die Wolken in langen Fetzen über den Himmel, aber der Nebel ist fortgefegt. Hoffentlich seid Ihr heil und befriedigt heimgekehrt und Susanne hat eine häusliche Hilfe gefunden.
Das neue Jahr werde ich mit vielen guten Wünschen beginnen – im tiefsten Herzen nur mit Dir und für Dich. Der Segen des Himmels sei und bleibe Dir bewußt. Mit vielen Grüßen an alle, die Dir lieb sind und an Dich
<li. Rand>
von Deiner Käthe.