Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Januar 1957 (Tübingen)


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Tübingen, 4.I.57.
Meine geliebte Freundin!
Soeben ist das Übliche auf die Post gebracht worden. Verzeih die kleine Verspätung!
Die Reihe der betrüblichen Ereignisse hat sich hier noch fortgesetzt. Auf die gute Seite aber ist zu zählen, was ich voranstellen will: Ida ist am Silvestermorgen operiert worden. (Gallensteine.) Bisher ist alles normal verlaufen. Susanne hat sie schon zweimal besucht. Ich will heute Nachmittag hingehen. Sie, d. h. Ida, hat sich über Deine Karte sehr gefreut.
Wir hatten sehr angenehmen, aber technisch etwas erschwerten Besuch am
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| 31.12. von einem neuen jüngeren Freunde Dr. Andreas v. Müller (Göttingen.) Am 1.I. waren nur 6 Besucher da, darunter Bähr. Es geht weder der Mutter noch dem Kinde z. Z. ganz gut.
Am 30.XII. ist Heinrich Scholz gestorben – wieder einer der ganz alten Freunde nach Landgraf, Zymalkowski, Löwenthal. Wollte ich hier von der Seele des äußerlich so seltsam gewordenen Heinrich gebührend reden, so wäre kein Ende zu finden. Auch Dir wird diese Nachricht nahe gehen.
Gestern erhielt ich durch Litt die Nachricht, daß in einem abscheulichen, wenig gelesenen Kampforgan der abgesetzten NS Hochschullehrer ein abscheulicher Artikel gegen mich erschienen sei, Fortsetzung und Steigerungen desjenigen,
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| der mich zur Veröffentlichung der Blätter "Mein Konflikt" veranlaßt hat. Ich habe den Wortlaut bis jetzt noch nicht gesehen, bin aber im voraus sicher, daß da nichts zu widerlegen ist. Denn die n.s. Methode ist im Verdrehen und Lügen so geschickt, daß man nicht herankann. Meinerseits will ich, gemäß dem Rat von Litt, schweigen. Aber schon gestern hatten sich 2 Kollegen, der kath. Theologe Arnold und der Jurist Erbe (früher Berlin) der Sache angenommen. Es soll erwogen werden, ob etwa der Rektor oder der Minister Verleumdungsklage erheben könnten. Das Schlimmste dabei ist, daß ich mit meinem Herzen u. Gesamtbefinden einer Kette von Aufregungen nicht mehr gewachsen bin. Auch muß vermieden werden, daß die Absicht der mir natürlich bekannten anonymen Schreiber erreicht wird, einen
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| öffentlichen Skandal um meine Person zu erregen. Daher bitte völliges Schweigen!
Trotzdem habe ich die Absicht, übermorgen nach Bonn zu fahren, nicht aufgegeben. Aber ich fühle mich schwach. Litt werde ich dort nicht treffen.
Meine Schreibhilfe hatte wohl Grund, Ferien zu machen: die Frau ihres Bruders ist gestorben und hat 2 unerwachsene Töchter hinterlassen (Stuttgart.)
Ich sehe voraus, daß ich in der nächsten Zeit Deiner Nachsicht bedürfen werde. Der Haushalt, in dem Frau Tierok nur begrenzt helfen kann, liegt auch noch auf Suse, außer dem Vorlesen für das Seminar und sonst. Es ist augenblicklich alles ganz wirr.
Rudger Heß feiert heute seinen 70. Geburtstag – als schonungsbedürftigster von uns allen.
Laß es Dir möglichst gut gehen; mache Dir aber auch keine Sorgen um <li. Rand> mich: das Leben ist nicht ohne Kampf. Innigst Dein Eduard