Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Januar 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 12.I.57.
Meine geliebte Freundin!
Verabredungen am Bahnhof sind grundsätzlich verfehlt. Auf der Hinfahrt kam ich mit 50 Min. Verspätung durch Heidelberg; auf der Rückfahrt überhaupt nicht, obwohl das Reisebüro es aufgeschrieben hatte.
Bonn war anstrengend, bei sehr geringer Kraftreserve. Den ganzen ersten Tag saß ich wieder sprachlos dabei, nur der schwierigen Weisheit der Juristen lauschend. Am 2. Tage redete ich ihnen gehörig ins Konzept, und nach einigem Sträuben erklärten die Beamten wie die Professoren, daß ich Recht hätte. Das muß nun noch näher ausgeführt werden.
Am Abend des 2. Tages war ich noch mit m. ehemaligen Berliner
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| Assistentin Jung zusammen, die seit kurzem Professorin an der Päd. Akademie Bonn ist. Sie hat manchmal Mucken; aber diesmal ging es gut
Ida scheint nun über den Berg zu sein. Sie wird vielleicht in der nächsten Woche entlassen, wird sich aber noch lange schonen müssen. Da auch Frau Tierok geschont werden muß, haben wir eine Aushilfe fürs Reinemachen gesucht. Nach unbeschreiblichen Mühen ist es gelungen, jemanden zu finden. (Bährs Verdienst!)
Die Taufe wird nicht so bald sein können. Deshalb habe ich Sonntag den 20. Januar für einen Besuch in Heidelberg in Aussicht genommen. Die Sache ist so gedacht, daß ich Dich am Nachm. (etwa um 15 Uhr x) [Fuß] x) frühestens!) besuche und so lange bleibe,
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| daß es Dich nicht ermüdet. Am Montag um 10 Uhr käme ich wieder und bliebe bis zu Eurem Essen. Mit dem gemeinsamen Auswärtsessen wird es schwierig sein. Vermutlich hast Du noch nicht festgestellt, ob es in Eurer nächsten Nähe überhaupt ein kleines stilles Lokal gibt. Der Bachlenz wäre schon zu weit.
Morgen kommt ein Neffe der so elend zugrunde gegangenen Vally Guttmann (Kurfürstendamm), Prof Salomon aus Mexiko, zu Besuch. Am 15.I. möchte ich der – nicht guten – Augen wegen wieder nach Eßlingen fahren. Am 17. oder 18 wird Herr Schmeil kommen.
In der ärgerlichen Angelegenheit habe ich mit dem Rektor gesprochen. Er teilte u. a. mit, daß sich das Verfassungsschutzamt in Stu. schon mit Recherchen
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| beschäftige, woher das Dreckblatt finanziert werde. Die bisherigen Ergebnisse verdienen ein öffentliches Interesse. –
Die Hinweisung auf dem lieben Kalender Matth. 13,3–8 habe ich in mich aufgenommen. Aber unser Säen ist auf Zeit. Wo das Ewige in letzter Bedeutung liegt – wer will es sagen?
Ich habe einen bewegenden Brief von Frau Erna Scholz erhalten. Er wollte noch etwas zu m. 75. schreiben. "Ich hatt' einen Kameraden ......" Sicher war Er ein in der Tiefe treuer Freund. Nun wird die Reihe immer länger: Zymalkowski, Landgraf, Löwenthal. Es leben noch Nieschling, Hillgenberg, wenn ich an die denke, die bis hinter 1900 zurückreichen.
Für heute genug! Susanne, etwas stark und zu vielseitig in Anspruch genommen, läßt herzlich grüßen. Schreibe bitte <li. Rand> nur, ob der 20.I. paßt.
Innigst Dein
Eduard

[re. Rand S. 3] Aus Japan ist eine – gar nicht üble – Pestalozzibüste gekommen
[re. Rand S. 1] In Bonatz hat unser Orden eines der liebenswürdigsten Mitglieder verloren. V. v. Weizsäcker habe ich persönlich nicht gekannt.