Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Februar 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 9.II.57.
Meine geliebte Freundin!
Das Klima der letzten 10 Tage war wenig nervenfreundlich. Bei mir hat es insbesondere auf die Augen sehr nachteilig gewirkt; (es ist wohl der graue Star, der von daher so beeinflußt wird.) Auch fühle ich mich im ganzen überfordert. Erwarte daher von diesem Brief nicht viel. 10 M sind auch nicht viel; es ist die Hälfte meiner Restschulden für den Februar.
Die Fahrt nach der Comburg und der Vortrag dort am 2.II. liegen hinter uns. Der letztere hat mich physisch sehr angestrengt, ist
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| aber mit Interesse und verständnisvoll aufgenommen worden. Hinterher noch Diskussion. Es war ein merkwürdiges Bild: diese Frühlingshalle der Farben und daneben die riesigen Eisschollen, die der Eisgang auf die Wege des Kurparkes geworfen hatte. Wir fuhren über WeinsbergHeilbronn zurück, wegen der Weibertreu. Aber das lag alles halb im Nebel.
Ich bin so leichtsinnig gewesen, dem befreundeten Bildhauer Halbritter zuzusagen, daß ich ihm für eine Büste sitzen will (die ich wahrscheinlich selbst bezahlen muß.) Er ist wohl schon 7 mal dagewesen, und das ist knapp die Hälfte des
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| Nötigen. Die Sache wird bestimmt gut Aber sie kostet mehr Zeit, als ich gedacht habe.
Daß der Botschafter Conant bei uns zum Ehrensenator ernannt worden ist und bei einer akademischen Feier hier nett gesprochen hat, wirst Du in der Zeitung gelesen habe. Nicht, daß Lorchen Wundt in hohem Alter gestorben ist, auch nicht, daß mein Freund Biermann (81) in Hamm, bei dem ich so oft gesprochen habe, heimgegegangen ist.
Bei Bährs fanden wir gestern Mutter und Kind in guter Verfassung. Er hat hier eine kleine Albert-Schweitzer-Ausstellung veranstaltet.
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Da ich Herrn Pramann weder in seiner Wirksamkeit noch auch privatim jemals gesehen habe, kann ich natürlich keine Empfehlung schreiben. Es wäre ja auch eine seltsame Einmischung. Das Bild wolltest Du natürlich zurück haben.
Am Donnerstag 14.II, bald nach m. Seminar, muß ich wieder nach Bonn fahren. Susanne kommt diesmal mit, weil ich das letzte Mal eine Schwächeanwandlung hatte. Leider ist – aus solchen Gründen – ein Stationmachen in Heidelberg nicht möglich. Ich muß sehen, daß ich noch bis zum Semesterende zusammenhalte. Der neue Doktor ist ein Doktrinär, der vorläufig nicht das Richtige für mich findet.
Heinrich Scholz ist seit ungefähr 1926 (!!!) mit einer Kielerin in 2. Ehe verheiratet. Sie hat ihn nur <li. Rand> selten zu Hause gehabt. Meist war er in der Klinik, der arme liebe Mensch. – Ich wünsche Dir weitere Freude an dem <Kopf> Blick in den farbigen Abendhimmel. "Am <re. Rand> farb'gen Abglanz haben wir das Leben". Alle grüßen, auch die <li. Rand S. 1> noch recht schwache Ida.
<re. Rand S. 4>
Innigst Dein
Eduard

[li. Rand S. 1] Die Post ist immer noch erdrückend.