Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 23.II.57.
Meine geliebte Freundin!
An Deinem großen Festtage möchte ich als pünktlicher, wenn auch wohl nicht als erster schriftlicher Gratulant bei Dir erscheinen. Zu den sonst üblichen Wünschen füge ich hinzu: Möge die Freude am Dasein stark genug sein, um die Minusfaktoren zu überwiegen, die ja nicht wegzubringen sind, weder durch eignen, noch durch fremden guten Willen. An solchem Tage ist es wichtig , darauf zu achten, daß er nicht zu anstrengend wird. Eigentlich wollte ich Dir ein Schild
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| zum Hinaushängen schicken: "Do not disturb". Aber es war in Deutschland nicht zu haben.
Ob die Erkältung schon ganz überwunden ist, macht mir auch Sorge. Die Saisonkrankheit ist diesmal langwierig, obwohl sonst nicht schlimm. Du teilst diese Belästigung mit Heuß und – mir. Etwas, das lange in mir steckt, ist nach Bonn ausgebrochen; es ist eine ganz tief in den Bronchien sitzende Verschleimung, verbunden mit einem Schnupfen, der nicht kontinuierlich sanft fließt, sondern katharaktartig – intermittierend.
Vermutlich kommen die nächstwohnenden Freundinnen und Bekannten
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| am Montag zu Dir. Empfange sie nicht mit zu viel Lavendel; das paßt in ein Boudoir, nicht in ein Altersheim. Und laß den Kaffee hinten in der kommunistischen Küche bereiten.
Ich muß daran denken, wie wir 1918 an der Plöck Wundts 85. Geburtstag feierten. Fast gleichzeitig mit der Anzeige vom Hinscheiden der Tochter kam ein großer Aufsatz über Wundt aus Leipzig, wo man also seiner gedenkt.
Am Donnerstag haben wir in guter Stimmung das Seminar beschlossen. An Deinem Geburtstag werden wir zu 16 an der Kaffeetafel sein. Das ist dann eine
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| Ersatzfeier. Die stille mit Dir allein kann hoffentlich bald nachgeholt werden.
Jene Seminarsitzung wird wohl meine letzte gewesen sein. Lust und Kräfte reichen im Sommer kaum noch. Auch abgesehen davon sind Umstände eingetreten, die mich wohl zum vollständigen Rückzug von der Universität veranlassen werden. Es scheint, daß der pädagogische Lehrstuhl anders besetzt wird, als mir richtig scheint. Niemand ist mir irgendwie rücksichtslos entgegengetreten. Man muß die Psychologie meines Nachfolgers kennen, um den Verlauf zu verstehen. Tatsache ist, daß der Emeritus garnichts zu sagen hat. Es wäre richtiger gewesen, mich schon seit 5 Jahren von all diesen Dingen fernzuhalten.
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Ich bin von Münster aus gefragt worden, ob ich dort die Gedenkrede für Heinrich Scholz halten würde. Leider habe ich im Hinblick auf meinen Kräftezustand absagen müssen.
Ein eigentliches Geschenk habe ich zu meinem Bedauern nicht für Dich. Susanne, die Dich übrigens mit mir gleich in den ersten Tagen Deines Philippusaufenthaltes besucht hat, schickt ein Päckchen. Von mir kommt ein Heft, das mir sehr viel Mühe gemacht hat. Als Geschenk soll dann ein Besuch von mir in Heidelberg gelten, für
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| den aber milderes Wetter abgewartet werden muß. Landenberger hat Tropfen verordnet, die à la Codeïn etwas Morphium enthalten. Es liegt wohl mit daran, daß ich mich heute zu keiner Art von Leistung aufschwingen kann. Du wirst zwischen den Zeilen dieses Briefes mehr lesen, als ich ihm heute mitgeben kann. Der Inhalt von 54 Jahren drängt sich an Deinem Geburtstag in mir zusammen, und ich fühle, wie gütig und fördernd Dein Wesen über jede Epoche meines Lebens gewaltet hat. Nun betrachten wir mit Aufmerksamkeit den Abendhimmel und das Abendgestirn.
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Ida, die schon merklich besser aussieht, grüßt Dich mit vielen Glückwünschen. Laß es Dir gut gehn, sei vorsichtig, pflege Dich!
Innigst
Dein
Eduard