Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. März 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 5. März 57.
Meine geliebte Freundin!
Deine beiden lieben Briefe haben mir eine anschauliche Schilderung von den Tagen um Deinen Geburtstag gebracht. Ich bin innerlichst beglückt, daß alles so schön verlaufen ist. Anstrengungen sind leichter zu tragen, wenn dadurch eine freudige Stimmung bewirkt wird. Nun ist ja um Dich herum auch allerhand Betrübliches und Beunruhigendes. Hoffentlich kommt der Mann Deiner Nachbarin bald aus dem Krankenhause zurück. Dann wird sie sich beruhigen. Man kann ihr sehr nachfühlen, daß sie die erzwungene Trennung schwer erträgt.
Ich habe seit der Rückkehr von
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| Bonn (am 17.II.) einen sehr tief sitzenden Bronchialkatarrh gehabt, der sich schließlich mit einer unmotiviert laufenden Nase verband. Zeitweise, so besonders am 2.III., habe ich so furchtbar husten müssen, daß ich allein davon ganz kaputt war. Es war aber doch wohl eine Grippe. In diesem Winter scheint sie ohne Fieber aufzutreten, aber recht lange zu dauern. Nun ist die Höhe überschritten; jedoch ist das Befinden noch "unterschwellig." Besondere Anstrengungen habe ich nicht, vielmehr leider zu wenig. Denn die Augen versagen fürs Lesen immer mehr ihren Dienst. Dies und anderes drückt dann wieder aufs Gemüt, so daß kein Schwung da ist. Die Sitzungen für Halbritter passen dazu sehr gut. Man kann sich mit ihm immer interessant
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| unterhalten. Jetzt sind noch 1–2 Sitzungen nötig. Dann ist das Modellieren fertig. Das Werk wird sehr ähnlich, ohne geistloser Abklatsch zu sein.
Als wir neulich von einem etwas zu weit ausgedehnten Spaziergang nach Stockach zurückkamen, war ein bekannter Spanier da, Prof. Luzuriaga, früher Madrid, jetzt Buenos Aires, ein Pädagog, der manches von mir übersetzt hat. Ein rücksichtsvoller und angenehmer Besuch! Sonntag waren nach langer Pause Bährs wieder zusammen bei uns zum Kaffee. Am 10.III. (Königin Luise) soll endlich die Taufe des Kleinen sein, der sich gesund entwickelt.
Abends lesen wir jetzt Carossas erweitert erschienene Jugenderinnerungen. Der Schluß spielt in Passau, und ich muß dabei immer an unseren – gemischt
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| schönen – Aufenthalt im Passa Hôtel Wolf denken, von dem wir nach dem Tegernsee entflohen.
Ida geht es passabel. Sie sieht besser aus als vor der Operation. Mehr Sorge macht Frau Tierok. Beide haben aber die 15 köpfige Studentengesellschaft neulich ganz gut bewältigt.
Am 13.III soll ich im Kreise von Kindergärtnerinnen hier ein wenig erzählen. Am 15.III. muß ich vielleicht nach Karlsruhe. (per Auto.)
Jeden Morgen schreibe ich 8–10 Seiten dieser Art. Das gibt im Lauf der Zeit ein ganz ansehnliches Ms. Aber es muß noch sehr durchgeforstet werden. Das ist die eigentliche Mühe.
Der freundliche "Kollege" Drechsler hat auf das Bundeszentralenheft sehr eingehend geantwortet. Es freut mich, daß er sich so bemüht, das "wüste" Unrecht auszugleichen. Schmeil ist in Taormina und erholt seinen Verstand.
<li. Rand> Ein Bibliothekar kramt im Hause herum, um eine Bibliographie meiner Schriften herzustellen. Eben habe ich dem Landrat gegenüber, <re. Rand> der aus Eberswalde stammt, die zum Tribut gewordenen 12 Fastnachtsspritzkuchen gebracht. | Jetzt etwas abrupt Schluß, wegen der Augen! <Kopf> Alle grüßen herzlichst! Dein getreuester Eduard
[re. Rand S. 3] Hoffentlich ist von der Affektion Deines Auges nichts zurückgeblieben!