Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. März 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 14.III 57.
Meine geliebte Freundin!
Die Taufe am Sonntag hat meine Gedanken doppelt lebhaft nach Heidelberg gelenkt. Es war der sonnigste Frühlingstag, den man sich denken kann. Die Verwandtschaft war recht vollzählig da. Unter ihr der Bruder, der (als Richter) in der Steubenstr. in Heidelberg lebt. Der Vater (in Wieblingen) sprach würdig und schön. Er kommt manchmal ins Philippushaus, da er eine Altersgenossenschaft von Pfarrersleuten betreut, darunter ein Frl. Jäckel (?), die in Deinem Hause wohnt.
Hier wird getauft, dort begraben. Vor kurzem ist mein alter Berliner Kollege und fast Freund, Prof.
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| Heubner
, in Heidelberg, Ladenburgerstr. gestorben. Und heute kam die Nachricht vom Tode Willy Böhms in Hannover, mit 80 Jahren.
Der 110. Geburtstag meiner Mutter brachte etwas Niedliches. Die älteste Tochter des Landwirtschaftsrates Honig in Münster (Stiefsohn v. Jenny Honig) hatte in ihrer Schule, die eine hauswirtschaftliche Oberstufe hat, etwas aus meiner Psychologie des Jugendalters vorgelesen bekommen. Ihre Mitschülerinnen fanden es hoch interessant, daß sie – auch eine Christiane – mit dem Verfasser "ein bißchen verwandt" wäre. Sie wünschte einen Brief, in dem etwas über mein Leben stünde. Du kannst Dir denken, daß ich ein kleines Kabinettstück geschrieben habe.
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Hingegen gestern, an dem Tage, an dem ich vor 60 Jahren in den Neuen See gefallen war, glückte der Vortrag für die Kindergärtnerinnen aus technischen Gründen garnicht. Deshalb immer das Lampenfieber: wenn die Dämonen nicht wollen, nützt die beste Vorbereitung nichts. Es ist nämlich auch mit meinem Befinden "nicht viel los", und besonders die Augen machen täglich größere Sorgen. (Codein ist natürlich gegen Husten, kein Augenmittel.)
Halbritter hat soeben die fertige Büste in Gips gebracht. Ich habe sie aber noch nicht gesehen.
Es ist recht, daß Du täglich etwas ums Haus schleichst; aber nicht bis zu voller Ermüdung. Das soll man gerade im Frühjahr vermeiden. So
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| wird es ja nun auch nicht bleiben. Wir spielen ein bißchen mit dem Gedanken Ascona für den April. Aber eigentlich fehlt mir der Mut – und noch viel mehr die Stimmung. Wir sind nun beide, d. h. Du und ich, "zwei scheene" geworden. Susanne krächzt auch, so daß Badenweiler oder Tessin gut für sie wären. Aber am ersten Ort haben wir nicht viel Glück gehabt im vorigen Jahr, und in diesem Jahr geht vielleicht Heuß dorthin.
Wenn mein Großonkel Eduard Spranger wüßte, daß jetzt eine Bleistiftzeichnung vom Pichelswerder von ihm in einer brdbg. Heimatzeitschrift wiedergegeben ist, würde er sich sehr wundern Diese Skizzen haben jetzt schon einen historischen Wert.
Morgen also Karlsruhe, und für Sonntag ist der nette Afghane eingeladen.
Ich wünsche Dir möglichst gutes Befinden, zweckmäßige Verteilung von Ruhe <li. Rand> und Beschäftigung, vernünftige Nachbarn und sonst alles Schöne.  Innigst Dein   Eduard