Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. März 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 24.III.57.
Meine geliebte Freundin!
In Deinem lieben Brief hat eine Episode mich zum Nachdenken veranlaßt: Wenn Du den Trauerzug Kaiser Wilhelms I aus dem Geroldschen Hause mitangesehen hast, so habe ich 300m davon auch nach den "Linden" herübergesehen – Du mit 16 Jahren, ich mit noch nicht 6. Aber ich weiß noch davon.
Ich danke Dir, daß Du Dich mit meinem Heft so eingehend beschäftigt hast. Unter den ersten Stimmen dazu sind einige sehr anerkennende, aber auch solche, aus denen völliges Mißverstehen klingt. Ich überschätzte
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| den sittlichen Gehalt der heutigen Familie! Als ob ich die Familie zum Muster für den Staat hätte machen wollen! Nur die soziologischen Grundkategorien kommen an ihr zur Anschauung. Die lassen sich von der schlechten Familie fast noch besser ablesen als von der intakten. Die Leute können eben nicht mehr mitdenken, geschweige denn – nachdenken [über der Zeile, fremde Hand?] ?!
Hier ist eine Phase der Depression. Meine angeheiratete Kousine Käthe Imhülsen ist mit 74 Jahren gestorben. Das kam nicht unerwartet. Vielmehr muß man sich wundern, daß sie bei ihrer schwachen Konstitution so alt geworden ist. Aber das ist nun eigentlich der (bzw. die) Letzte aus meiner väterlichen Familie. Denn mit
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| der Alice Gobisch ist es doch schon seit langem "nicht richtig." Susanne hat gestern ihr goldenes Armband mit Uhr verloren, und davon gilt doch wohl: "Was vergangen, kehrt nicht wieder." Ich habe ziemlich aus heiler Haut eine Darmstörung bekommen, hinter der mir etwas nicht ganz Harmloses zu stecken scheint. Morgen kommt gemäß dem Turnus der Dr. Schwägerle. Vielleicht hört er mich an. Er ist nämlich eigentlich ein Doktrinär und sieht sich das Objekt nicht genügend an. Den furchtbaren Bronchialkatarrh hat er allerdings doch weggebracht.
Das Absinken meines Befindens kam sehr unerfreulich an die beinahe reif gewordene Planung, Dich am
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| Sonntag 31.III. nachm. zu besuchen. Ich will davon jetzt lieber nicht reden, sondern abwarten, wie sich mein corpus weiter verhält.
Wird die Ute Klauser Volksbibliothekarin oder geht sie in den mittleren Bibliotheksdienst? Für die erste Gruppe habe ich einen Vortrag hier gehalten, der nun gedruckt vorliegt. Ev. könnte ich ihr den schicken.
Susanne hat sich an die Kiste gemacht, die Du hierher geschickt hast. Der Inhalt kommt gerade zur rechten Zeit. Denn Niemeyer läßt jetzt eine möglichst vollständige Bibliographie meiner Schriften für den Druck herstellen. Die alten Sachen waren bei Dir vollständiger vorhanden als bei mir.
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Die Büste ist in Gips fertig und steht bei uns. Sie ist schon zweimal begutachtet worden. Die Ähnlichkeit ist stark. Aber man findet, daß die geistige Auffassung nicht sehr tief geht. Nun – zunächst muß man zufrieden sein, wenn der Kopf, der nicht mehr viel taugt, auf schlichte Weise in die Nachwelt kommt.
Ob ein Frl. Jäckel oder so ähnlich aus dem Kreise des Herrn Pfarrer Bähr in Eurem Hause ist, hast Du nicht gesagt. Hoffentlich wird Dir der weite Blick nach Westen nicht zu früh verbaut. Lange dauert ja ein solches Vergnügen jetzt nirgends.
Es ist nett, daß Frl. Dorer Dich besucht hat. Vor unsrer – aber, wie gesagt, – sehr fragwürdig gewordenen –
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| Abreise am 6.IV sind hier noch zu erwarten Dr. Studders morgen, ein kleiner Promotus aus Leipzig, der in der Industrieorganisation ein großer Mann geworden ist, Frl. Geppert und Hedwig Koch.
Wir lesen (wieder) des Abends "Uli der Knecht" mit Vergnügen. Das Landwirtschaftliche daran gefällt Susanne natürlich auch.
Landenberger hat am 19.III. gesagt: der objektive Befund sei eigentlich immer gleich. Aber subjektiv wird es doch langsam schlechter.
Nimm ja das Gerobion. Es hält den Alternsprozeß doch etwas auf.
Der vorwitzige Frühling wird ja wohl noch einmal einpacken müssen. Es ist schön zu sehen, liegt einem aber in allen Knochen.
Wegen des Sonntag schreibe ich noch
<li. Rand>
Viele gute Wünsche von uns allen. Innigst Dein Eduard