Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. April 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 24.IV.57.
Meine geliebte Freundin!
Ein von der Sonne bestrahlter Omnibus hat mich so geblendet, daß ich kaum sehen kann, was ich schreibe. Du wirst also Nachsicht haben müssen.
Die lange Reihe der Feiertage haben wir ganz gut verbracht. Wir waren am Ostersamstag bei Bährs, am Sonntag in Bebenhausen, am Montag bei dem Berliner Kollegen Dovifat in Bad Niedernau, und gestern sind wir im Walde bei Kirchentellinsfurt herumgestrichen. Außerdem ist eine 300 Seiten lange Dissertation fast ganz vorgelesen worden, wohl die letzte, die ich begutachten werde.
Heute war der Dr. Schwägerle wieder da, der den Empfindungen in
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| der Nabelgegend eine geringe Bedeutung beimaß, aber psychische Faktoren für beteiligt hielt. An den entsprechenden Ärgernissen hat es in der Tat nicht gefehlt.
Die konsequente Ignorierung meiner Sorgen um dem Wein für Dich finde ich nicht hübsch. Wenn der Verdauung gut zugeredet werden soll, ist Moselwein am besten. Es muß aber unbedingt auf dem Etikett stehen "naturrein" oder "Winzergenossenschaft". Er pflegt um so saurer zu sein, je reiner er ist. Vielleicht ist also doch ein badischer Wein mehr zu empfehlen, wobei jedoch Bedingung bleibt, daß jene Bemerkungen auf dem Etikett stehen. ca 4 M für die Literflasche muß man aufwenden.
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| Es ist aber ein notwendiges Medikament für alte Leute. Schlechter Vermuth hingegen ist Gift.
Über die vermißten Objekte müssen wir reden. Vielleicht sind sie garnicht an die betreffende Stelle gekommen. Irgendwer muß doch auch die Verantwortung für solche Deposita übernehmen.
Max Hartmann ist der berühmte Biologe, erst in Berlin, dann in Tübingen, jetzt auf seinem Gut Buchenbühl. Er ist ein sehr lieber Mensch (aus Neustadt/Pfalz) Leider hat er, nachdem er eben operiert worden war, seine Frau vor 4 Wochen verloren.
Die Sonne Homers leuchtet am Schluß von Schillers "Spaziergang."
Es sieht so aus, als ob wir die fällige
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| Reise nach Bonn am 28.IV wagen könnten. Am Ankunftstage wollen wir uns dort mit Jeangros treffen. Montag und Dienstag sind Sitzungen, Mittwoch und Donnerstag möchten wir in Kronberg sein. Freitag erfolgt Rückreise. Wir könnten, wenn es Dir recht ist, in Heidelberg Mittagspause machen. Susanne würde kurz ihren Onkel besuchen, ich Dich. Dann würden wir im Rosengarten oder dem anderen Restaurant gemeinsam essen, Dich nach Hause bringen und früh weiterfahren. (am 3. Mai)x) [li. Rand] x) Also am Tage nach Renate Klauser.
Adresse: Bonn, Hôtel Muskewitz, Dechenstr. 5.  Kronberg: Frhr. v. Holzhausen, Thaler Feldweg 11.
Eine Photographie der Büste von vorn existiert nicht. Sie wird jetzt in Bronze gegossen.
Das Seminar habe ich heute abgesagt.
Alle, auch die recht wackelige Ida, grüßen herzlich. Hoffentlich auf Wiedersehen!
<re. Rand>
Dein getreuer   Eduard