Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Mai 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 16. Mai 57.
Meine geliebte Freundin!
Es kommt mir so vor, als ob ich recht lange nichts von Dir gehört hätte. Hoffentlich ist Dein Befinden einigermaßen günstig und tun die Feigen ihren Dienst. Das Wetter ist ja immer wechselnd, wie die Politik und die menschlichen Schicksale. Wünschenswert ist wohl, schon im Hinblick auf die Verdauung, das der viereckige Rundweg um das Haus nach Möglichkeit regelmäßig stattfinden kann.
Von hier ist nicht viel Neues zu berichten. Zeitweise fließen die Quellen des Ärgers so dick, daß man sich in diesem üblen Fett fast gebraten fühlt. Eigentlich müßte ich heute schon wieder nach Bonn fahren; aber
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| ich habe mich davon dispensieren lassen. Am 26. Mai war ein Vortrag für die Großindustriellen in Baden-Baden geplant. Jedoch finde ich dazu nicht mehr den Mut. Ich mache daraus eine Broschüre, an der ich jeden Morgen 2 Stunden schreibe.
Ein Seminar halte ich also in diesem Semester zum ersten Mal nicht. Bei dem Rektoratswechsel habe ich mich in den Zuschauerraum gesetzt, wo man bequemer sitzt und besser hört. Wir waren einen Nachmittag in dem netten Urach und gestern an der Wurmlinger Kapelle. Morgen erwarten wir den liebenswürdigen Afghanen Mayar und am Sonntag das Ehepaar Abraham aus Mannheim.x) [li. Rand] x) Gestern angenehmer Besuch aus Argentina
Etwas Merkwürdiges kam heute mit
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| der Post: Aufdruck: Hôtel Herbrecht, Bacharach. Der Stiefsohn der Besitzer von 1901, ein Chemiker, hat noch manchmal an mich geschrieben. Heute denkt er wieder mal an mich. Die Frau Herbrecht ist 98 Jahre alt geworden!
Christianes Schuldirektor in Königstein tritt in den Ruhestand. Sie wird nicht leicht wieder einen so liebenswürdigen Pädagogen finden. Am 3. Mai war keine Zeit, von ihr zu sprechen.
Abgesehen von den Augen geht es mir jetzt ganz passabel. Ich bin unruhig, von Dir zu hören, und Du weißt, wie viel von meinem Befinden davon abhängt, wie es Dir geht.
Alle hier grüßen. Mit den wärmsten Wünschen
Dein getreuer
Eduard