Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Mai 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 23. Mai 57.
Meine geliebte Freundin!
In Deinem Brief an Susanne, den sie dankbar empfangen hat, hast Du die Hölderlindrucksache bestätigt, die ich übrigens noch nicht gelesen habe. Hinsichtlich der Bilder von der Büste aber sind die Köpfe hier noch viel schwächer als die in Heidelberg. Susanne behauptete zunächst, Halbritter habe nur vom lebenden Objekt Photographien gemacht; von der Büste existierten überhaupt keine. Das konnte ich mit Hilfe des Zeugen Bähr widerlegen. Gefunden haben sie sich hier bisher nicht, so daß die
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| Frage auftauchte, ob sie etwa bei Dir geblieben sind. Das glaube ich aber auch nicht. Das Ende vom Liede: es ist nichts auftreibbar, da auch Bähr keine Bilder geschickt hat.
Was den Lärm und das Larifari im Hause betrifft, so sollte man sich bemühen, das in den Hintergrund des Bewußtseins zu drängen. Bei dem Gerede der Leute ist das leichter als bei dem Geklapper des Geschirrs. Das dauert ja aber immer nur kurze Zeit, und da Du doch nichts Gescheites mit den Nachbarn reden kannst, würde ich an Deiner Stelle Watte in die Ohren stecken.
Wenn Du aber einen täglichen Ärger brauchen solltest, dann kannst
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| Du mir welchen abkaufen, denn ich habe wirklichen Ärger in Fülle.
Nur mit dem Wetter hatten wir in der vorigen Woche Glück. Am Freitag hatten wir einen hübschen Nachmittag in Bad Niedernau mit unsrem afghanischen Freunde, dessen Vater übrigens neulich in der Wochenschau zu sehen gewesen sein soll, weil er Heuß bei seinem kurzen Besuch in einem Zipfel des Landes als dessen Generalgouverneur zu begrüßen hatte. Am Samstag nahm uns das Ehepaar Konzertmeister Klemm in seinem Auto mit nach Haigerloch. Mit der sonst berühmten Fliederblüte dort war nichts los (wie denn auch die beiden Gingkos vor unsrem Fenster durch Frost schwer beschädigt
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| sind.)
Die Zahl derer, die für immer fortgehen, ist dies Jahr sehr groß. So mein erster Famulus in Leipzig von 1911 Schröbler, dessen Tochter Du in Heidelberg betreut hast (ist jetzt hochangesehne Professorin), und der hiesige Kollege Kluckhohn, den wir vor 3 Stunden bei Gewitter beerdigt haben. (Begründer der Hölderlingesellschaft.)
Himmelfahrt reisen wir nach Bonn zum Pour le Mérite. Hoffentlich treffen wir Heuß in voll genesenem Zustand. Bis dahin habe ich noch an kleinen Manuscripten zu basteln, die sich auch nicht mehr so leicht fügen wollen wie früher. Vorgestern war ich auch wieder beim Augenarzt in Eßlingen. Ich habe heute einen Studenten für das Vorlesen engagiert. Für Susanne, die einen chronischen Stimmbandkatarrh hat, wird das zu <li. Rand> anstrengend. – Wir heizen noch täglich. Das verdanken wir <Kopf> wohl auch den Atomversuchen. Ich wünsche Dir <re. Rand> so viel Wärme, daß Du auch einmal draußen auf der Bank sitzen könntest.
<re. Rand S. 3> Besten Dank für den Wahlscherz aus der Zeitung. Von allen hier herzliche Grüße! Innigst Dein
Eduard