Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Mai 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 28. Mai 57.
Meine geliebte Freundin!
Für Deine beiden lieben Briefe vom 19. Mai und 24. Mai danke ich herzlich. Inzwischen ist in der Angelegenheit der Bilder von der Büste, die so verwickelt geworden war, Klarheit geschaffen, dadurch, daß Bähr die bei ihm vorhandenen noch einmal geschickt hat. Sie existieren also. Aber kein Bild zeigt die Vorderseite. Die Bilder sind überhaupt nicht glücklich aufgenommen. Das Objekt selbst ist besser, obwohl nach dem Urteil der meisten nicht ganz befriedigend. Man muß sich damit trösten, daß in "Christ und Welt", wo ein freundlicher Artikel
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| über mich stand, eine noch schlechtere, hier im Hause gemachte Photographie beigegeben war.
Ich hoffe sehr, daß bei Euch in den letzten 3 Tagen regelmäßig geheizt worden ist. Wir sind dem Nordost dadurch ausgewichen, daß wir möglichst nah an den Wald herangefahren sind und dann mit dem Wind gegangen sind. Dein Zimmer liegt ja ziemlich geschützt. Aber was verspricht das für ein Sommer zu werden!?
Neben Zollingers hat früher ein Theologieprofessor Keller gewohnt, den ich nur einmal gesprochen habe. Er ist jetzt über 87 Jahre. Seinen Wohnsitz hat er neuerdings nach Los Angeles verlegt. Von dort ist
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| er zu Albert Schweitzer nach Lambarene geflogen. Heute kam von ihm ein sehr munterer und liebenswürdiger Geburtstagsbrief. So muß man sein!
Gleichzeitig forderte mich der Dekan der Phil. Fak. in Heidelberg auf, am 5. Juli die Gedenkrede zu Kuno Fischers 50. Todestage zu halten. Wäre ich wie Keller, würde ich es annehmen. So aber .......
Ich habe jetzt einen Vorleser. Wollen sehen, wie wir uns befreunden!
Besuch war in diesen Tagen nicht vielx) [Fuß] x) auch der Architekt Schmitthenner, nur ein Türke mit liebenswürdiger Tochter aus Ankara, den ich schon von Berlin her kannte.
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Am Himmelfahrtstage 10 Uhr fahren wir also nach Bonn, sind dort am Abend bei Litts, und wohnen wieder Hôtel Muskewitz, Dechenstr. 5. Am 31. Mai sind die üblichen 4 Veranstaltungen hintereinander. Am Samstag früh ist noch eine Besprechung mit Frl. Jung, jetzt Frau Professor Jung. Leider können wir diesmal auf der Rückreise in Heidelberg keine Station machen, da die Kräfte nicht dazu reichen. Ich plane, einmal extra nach Heidelberg zu fahren.
Der Versuch, Stifters "Nachsommer" zu lesen, scheiterte an der unübertrefflichen Langweiligkeit dieses klassischen Werkes.
Meine eigne Arbeit schreitet wegen dauernd deprimierter Stimmung schlecht vorwärts. Wenn man wenigstens einmal wieder die Sonne sähe!
Herzliche Wünsche und Grüße im <li. Rand> Namen von Susanne, Ida und Deinem getreuen Eduard.
[Kopf] Hier ist ein Präsident Lambacher, der wegen Oberschenkelhalsbruch schon 17 Wochen in Streckverband liegt.