Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juni 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 4. Juni 57.
Meine geliebte Freundin!
Deinen lieben Brief habe ich im Hôtel Muskewitz erhalten, die Reutersche Fabrik künstlichen Weines schon hier vor der Abreise. Vielen Dank!
Die ungewohnte Lebensweise der letzten Tage macht sich an meinen Augen sehr ungünstig bemerkbar. Ich werde daher nur in Stichworten und mit Auswahl berichten können. Beide Fahrten gingen ohne jede Beschwerde vor sich. Bei den jedesmal 10 Minuten Aufenthalt in Heidelberg habe ich natürlich zu Dir hinübergegrüßt.
Am ersten Abend waren wir bei Litt. Es war etwas schauerlich: die geisteskranke Frau am Tisch, die an allem Gesprochenem teilnahm, aber
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| eigentlich ohne Seele.
Der Freitag war sehr "lang." Auch die Mumie Alfred Weber war anwesend, der einzige, den ich nicht mag. Heuß merkt man doch noch etwas an, daß er krank gewesen ist: er wird manchmal ärgerlich, was früher nicht der Fall war. Susanne ließ sich diesmal mit dem Damenkreise zu Frau Heuß (verw. Schwägerin) einladen. Adenauer nahm an dem Herrenfrühstück mit teil. Ich habe auch einen Händedruck von ihm bekommen.
Die öffentliche Veranstaltung verlief diesmal sehr gut und bot Interessantes. Schmitthenners Nachruf auf Bonatz fand ich besonders schön. Abends war dann noch Empfang im Presseklub, dicht am Rhein, veranstaltet vom Bundesinnenminister Schröder,
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| meinem Gönner. Ich saß bei Litt, dem Schweizer Burckhardt, dem hessischen Minister Hennig (den ich für meinen Zweck gut bearbeiten konnte); zum Schluß kam auch Heuß hinzu.
Am Samstag früh eine Stunde mit Frl. Prof. Jung, deren wechselnde Gemütslagen schwer zu behandeln sind.
Hier zu Hause ereignete sich etwas Merkwürdiges. Es erschien am Sonntag die mir völlig unbekannte Witwe von Otto Jacobsen, dem Redakteur der Heidelberger Zeitung, um den Du Dich bekümmert hast, als er noch Student war. Sie demonstrierte in einstündiger Rede, daß J. nicht nach Ausbruch einer Geisteskrankheit gestorben sei, bewirkte aber, daß man das Gegenteil glauben mußte.
Gestern um 11 kam hier der angekündigte Omnibus mit 24 Kin
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|dergartenseminaristen, denen ich in den Räumen bei der benachbarten Kirche einen kleinen Vortrag hielt. Eindruck durchaus angenehm, lauter einfache natürliche Mädchen.
Nachmittag führte ich dann Marianne, die zum 1. Male bei uns zu Besuch ist, durch die Stadt. Heute bin ich von allem ziemlich erledigt, zumal da ein Gewitter in der Luft liegt.
Niemand wird gezwungen, zu trinken, was er nicht will. Niemandem wird verboten, dickes Zeug in sich hineinzufüllen, das die Verdauung träge macht. Es besteht absolute demokratische Freiheit.
Möge Dich sonst nichts ärgern, wohl aber einiges erfreuen!
Wir grüßen Dich herzlich mit allen guten Wünschen!
Dein getreuer
Eduard

[li. Rand] Ich bringe andere Bilder von der Büste mit, sobald solche zu Verfügung stehen.