Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. August 1957 (Lenzkirch)


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Lenzkirch, 22.VIII.57.
15 Uhr.
Meine geliebte Freundin!
Ich war sehr glücklich, gestern mit der (ungewohnten) 2. Post noch einen Brief von Dir zu erhalten. Denn morgen um 15 Uhr fahren wir hier ab, und zwar unmittelbar nach Tübingen. Ida und Ihre Schwester werden wohl noch nicht da sein, sondern vielleicht erst am Dienstag zurückkehren. (Übrigens haben auch wir nach langem Unglauben anerkennen müssen, daß Freundpolz ein Dorf ist.)
Wir haben genug. Das Wetter blieb immer schwankend. Vor allem war die Schwarzwaldlandschaft so melancholisch, schon am Tage so finster, daß
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| man mit den ohnehin düsteren Gedanken kaum dagegen ankämpfen konnte. Im Hôtel sackten alle kranken oder empfindlichen Konstitutionen zusammen. Für die Augen habe ich nicht den mindesten Nutzen verspürt; im Gegenteil. Trotzdem sind wir so viel wie nur möglich in der Luft und in Bewegung gewesen. Ob es aber heutzutage nützlich ist, in der Luft zu sein, wird immer fraglicher. Die Atomversuche schädigen sie doch wohl sehr.
Mit der Lektüre der kleinen Festschrift sind wir bis auf einen Rest von 3 Beiträgen fertig. Es fehlt noch die große und die Einzelschriften, die man mir gewidmet hat. Dann
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| müssen lauter individuelle Dankbriefe geschrieben werden.
Die alte Skizze "Hauptströmungen" der Pädagogik wird in dem Beitrag von N. Wallner erwähnt. Der Druck ist heute eine große Seltenheit.
Johanna Richter, ehemals Wezel, ist schon in Deutschland, ohne Sohn. Sie geht zu einem Kursus nach München und wird uns erst Ende September besuchen.
Sonst ist nichts zu berichten. Das Leben ist hier monoton, und selbst in einem angenehmen Hôtel wird es bald langweilig. Jetzt wollen wir noch mit dem Omnibus nach Saig
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| hinauffahren und, wenn die Kräfte reichen, nach Kappel hinübergehen, mit Aufenthalt am Hirakreuz beim Hirahof.
Ich wünsche Dir für Deine regelmäßigen Rundwege gute Kräfte und schöne Abendbeleuchtungen. Man beginnt schon wieder, sich auf den Winter einzurichten; die Störche sollen längst fort sein. | Hier aber mähen sie [über der Zeile] die Landleute eben das Getreide.
Erinnerst Du Dich, wie wir auch einmal nach Donaueschingen entflohen sind, weil es in Lenzkirch so sehr regnete?
Mit vielen herzlichen Grüßen von uns beiden
zeitlos
Dein
Eduard