Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. August 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 30.8.57
Meine geliebte Freundin!
Zur 54. Wiederkehr unsrer ersten "richtigen" Begegnung sende ich Dir besonders herzliche Grüße. Der 31. August 1903 war ein warmer, ja heißer Tag, an dem man im Freien sitzen konnte. Heute früh waren 7° Celsius, und wir haben geheizt. Nicht unsre Freundschaft, aber unsre beiderseitige Existenz ist ähnlich zurückgegangen. Das leibliche Gerüst ist überall wacklig geworden. Die Stimmung ist dauernd deprimiert. Und wenn wir, gemäß Goethe, "in die Ferne hoffen", so liegt diese Ferne eigentlich garnicht in der Zeit. Aber der Kern, der uns
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| verbindet, hatte von Anfang an nichts mit der Zeit zu tun. Die Möglichkeit, dies Innere auszudrücken, wird zunehmend behindert. Aber es wird auch dann noch da sein, wenn ich z. B. garnicht mehr schreiben kann. Es wird der Augen wegen immer schwerer.
Wir sind nach bequemer Fahrt heute vor einer Woche hier eingetroffen. Am Sonntag kamen auch Ida (die Dir herzlich dankt) und Frau Tierok, letztere weiter entkräftet, beide ohne Stimmung. Deine beiden lieben Briefe haben mich sehr erfreut. Die Reihenuntersuchung hat bei uns schon vor 2 Jahren stattgefunden. Ich gehörte, wie Du Dich erinnerst, zu denen, die noch eine zweites und ein drittes mal geröntgt wurden. Sehr viele sind der Aufforderung übrigens garnicht
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| gefolgt. Sei froh, daß diese Sache erledigt ist!
Unter den Familienforschern verstehe ich die Deszendenten von Onkel Hermann, Ernst Schwalbe u. a., die durch ihre Besuche etwas Leben in Deine Klause bringen. Warum hört man garnichts mehr von Rösel Hecht?
Wir hatten Besuch von Bähr, dessen Söhnchen leider immer noch an der untersten Ernährungsgrenze bleibt. Er will uns (etwa im Oktober) zu Albert Schweitzer ins Elsaß bringen. Aber das wird mir wohl zu anstrengend sein (4 Stunden Auto!) Der Ertrag von Lenzkirch ist bei mir mäßig. Am 3. Tage hatte ich eine ungewöhnlich starke Kopfneuralgie, die nach Schlimmerem aussah. Eigentlich habe ich Kopfschmerzen nie gekannt. Während des Höhepunktes wurde auch das Gedächtnis unsicher.
Anfang nächster Woche kommen Arthur Steins aus Bern, und wieder eine Woche später
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| will uns Frau Biermann besuchen
Meine Tätigkeit besteht nun wieder ausschließlich im Schreiben von Dankbriefen. Zwei Schreibhilfen sind außer Susanne am Werk. Ich schätze, daß noch etwa 100 individuelle Briefe zu diktieren sind. Dann kann ich nach vollen 3 Monaten, die mir sehr viel Kräfte gekostet haben, wieder zur eigentlichen Arbeit zurückkehren. Am meisten Mühe machen die sog. "Doppelmörder", d. h. diejenigen, die zu beiden Festschriften etwas beigesteuert haben. Manche haben sogar noch an 3. u. 4. Stelle etwas geschrieben.
Die Parteienrechtskommission hat ihr Werk vollendet. Du wirst in der Zeitung davon gelesen haben Diese Fahrten fallen also fort. Es zeichnen sich aber andre Reisen gen Norden am Horizont, bzw. auf dem Kalender, ab.
Wenn der Sommer auch kein Nachspiel zu haben scheint, so werden doch die schwülen, atomar vergifteten Tage ein Ende nehmen, <li. Rand> und Du wirst Dich dann auch wieder wohler fühlen. Mit diesem <re. Rand> Wunsch und mit Grüßen "von allen" laß mich den 31. Augustbrief <Kopf> schließen. Innigst Dein Eduard