Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 9. September 57.
Meine geliebte Freundin!
Es ist ein Zeichen für die totale "Verderbtheit unsrer Welt", daß man keine Art von Wetter mehr verträgt. Gestern war es warm und sonnig. Wir haben 3 Stunden in dem für andere geschlossenen Botanischen Garten gesessen. Aber eigentlich war es doch "stickig." Heute ist es bewölkt und so düster, daß ich jetzt – 10 Uhr Vorm. – bei künstlicher Beleuchtung schreiben muß.
Die Alterszeichen treten jetzt bei mir auch am Kopf auf. Früher habe ich Kopfschmerzen kaum gekannt. Der Anfall neulich – es war wohl am 30. August – wurde für Neuralgie erklärt. Aber es ist ein eigentümlicher
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| Druck auf dem Gehirn geblieben. Kein Wunder, wenn es nun allmählich verbraucht ist!
Um mit dem Bericht über das Befinden fortzufahren: Ich war am Freitag 6.9. wieder in Eßlingen. Das ist immer ein anstrengendes Unternehmen. Ergebnis: der Dr. Landenberger behauptet, am Augenhintergrund habe sich in den 1¾ Jahren der Behandlung eigentlich nichts verschlechtert. Der graue Star habe Fortschritte gemacht. Nun, da dieser nicht operabel ist, hat eben die Sehstörung endgiltig zugenommen.
Das kleine Heft, in das Du meine Äußerung von 1904/5 eingetragen hast, war ein sinnreiches, mich beglückendes Gedenktagsgeschenk. In etwas jugendlich-stürmischer Form
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| steht darin das Gleiche, was sich später in der "Weltfrömmigkeit" und in der "Lebenserfahrung" abgeklärt hat. Seitdem hat sich noch etwas geändert. Mein Aufenthalt im Bereich der schwäbischen Landeskirche hat mich von der offiziell theologischen Frömmigkeit noch weiter entfernt. Trotzdem fühle ich mich, wie ich neulich auch an Albert Schweitzer geschrieben habe (den ich vielleicht bald sehe), als Christ. Es gibt eine innere Christuserfahrung, auf die es eigentlich ankommt. Vielleicht ist es ein geeigneter Name für das Göttliche, der mir kürzlich durch den Kopf fuhr: "der Mitwisser" (con – scire, conscientia Gewissen.) Aber es ist nur ein Teilnahme. Er ist auch der Heilende (der Heiland.).
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Jene Worte von 1904/5 enthalten auch eine Prophezeiung für unseren gemeinsamen Lebensweg, die sich als absolut zutreffend bewährt hat. In allem. Aber auch darin: es war mehr und ist mehr als das gemeinsame Philosophieren, das uns verbindet. Zum Philosophieren muß man einen Stoff haben. Den liefert allein das intime Leben – und das größere Geistesleben, in das ich erst später hinausgetreten bin.
Nun wackeln wir beide schon ein bißchen mit den Köpfen. Aber "im Grunde", d. h. im Seelengrunde, steht es fest. Vieles ist trübe und betrübend geworden. Könnten wir z. B. noch einmal wandern, "dann wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein." Denn in der Natur ist man doch bei dem lieben Gott zu Gaste.
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Du sprichst von der "großen Festschrift". Du hast aber nur die "kleine", das sog. "Bildnis". Die große umfaßt 638 Seiten mit rein wissenschaftlichen Beiträgen und ist auch im Format noch größer. Diejenigen, die für beide etwas geschrieben haben, nenne ich "Doppelmörder". Es gibt auch Dreifachmörder. Denn manche haben noch in Zeitschriften Artikel verfaßt. Vorläufig bin ich noch beim Danken für die ca 120 Festschriftartikel. Es fehlen noch ca 30 Briefe. Gelesen ist auch noch nicht alles. 1300 Seiten fordern ihre Zeit. Sind die 30 auch noch fort, kommen die Zeitschriften an die Reihe.
Zwischendurch habe ich – gegen mein Prinzip – noch 2 Geleitworte geschrieben. Eines für ein Buch des Amerikaners Edgar Alexander¹) [Fuß] ¹) Biograph v. Adenauer über Europa, eines für Abid Hussain
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| in New-Delhi zu seiner Übersetzung von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" ins Urdu. Leider sind beide etwas "fragwürdige Kunden." Man läßt sich eben einfangen.
Daß Du nicht gern in Geschäfte gehst und dort auch nicht für Dich geeignete Maße findest, leuchtet mir ein. Man kann aber einmal eine Schneiderin auf Nr. 213 kommen lassen und nach Maß anfertigen lassen, was gerade gebraucht wird – Mantel, Kleid, Bluse, etwas Warmes. Dazu sind meine Sendungen bestimmt, und sie werden erhöht, wenn es nicht reicht.
Für Bährs Söhnchen ist endlich die richtige Ernährungsweise gefunden, und es ist damit eine große Sorge
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| fortgefallen.
Frau Tierok befindet sich nun in der Chirurg. Klinik. Man wird irgend eine fiktive Diagnose machen.
Heute Nachm. kommt Halbritter, der an einer Plakette von mir bastelt, und vielleicht Frau
Prof. Dr. Annelise Maier aus Rom, die mich neulich verfehlt hat. Mittwoch ist eine Autofahrt auf die Alb mit den Musik-Klemms geplant.
Halbritter ist eine Stelle als medizinischer Zeichner angeboten worden. Er will aber seine Freiheit nicht aufgeben. Ich habe ihm von Deiner Tätigkeit erzählt. Johanna Richter-Wezel¹) [Fuß] ¹) kommt 27.9. ist auf der Augenklinik in München behandelt worden. Sie scheint dasselbe Leiden
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| zu haben wie ich.
Jetzt ist es aber Zeit, daß ich abbreche. Sorge in allem recht sorgfältig für Dein Wohlbefinden. Dann wirst Du Dir die Zufriedenheit erwerben Deines
Dir wohl gesonnenen
Eduard

mit den üblichen Grüßenden.