Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Oktober 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 20.X.57.
Meine geliebte Freundin!
Die leicht erhöhte Temperatur wird hoffentlich beobachtet. Man kann zu diesem Zweck ein Fieberthermometer kaufen und das Ergebnis der Messungen dreimal am Tage aufschreiben. War die neue Ärztin wieder da?
Seit unsrer Rückkehr bin ich fleißig gewesen und habe – mit großen Schwierigkeiten – ein Ms. "Der geborene Erzieher" so gut wie fertig gemacht, das ein Gegenstück zum "Eigengeist der Volksschule" werden soll. Die Arbeit daran mußte ich am 20. Juni abbrechen. Jetzt erst bin ich wieder dazu gekommen! Das sind die Auswirkungen eines 75. Geburtstages!
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Wie es werden soll, wenn einmal Korrekturen kommen, weiß ich nicht. Ich habe eben 1 Stunde mich mit Korrekturenlesen gequält; aber es geht eigentlich nicht mehr.
Vorher waren wir – im ganzen zu 7 – bei Frau Tierok. Es wird langsam immer weniger mit ihr.
Gestern hatten wir angenehmen Besuch aus Ost-Berlin. Vorher war Bähr da, um mitzuteilen, daß er am Nachmittag zu Albert Schweitzer ins Elsaß führe. Für mich würde das wohl zu anstrengend werden.
Morgen erwarten wir 2 Japaner und einen Japan-Journalisten, um ihnen eine Kostbarkeit zu zeigen, die ich nachträglich zum 75. Ge
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|burtstag von der Staatlichen Akademie der Künste in Tokyo erhalten habe: farbige Holzschnitte, die uralte Illustrationen wiedergeben.
Wir beide sind nie in Schiltach ausgestiegen. Aber in Wolfach haben wir um 1925 ein paar schöne Tage verlebt; u. a. waren wir auf dem Moosenmättle und gingen nach Hornberg, Bährs Geburtsort, hinunter. Eine Karte vom Schwarzwald wird sich schon finden. Von Wolfach fuhren wir meiner Erinnerung nach noch nach Überlingen ins Badhôtel.
Es waren hier noch schöne farbige Herbsttage. Der Gingko vor unsrem Fenster leuchtet wie eine gelbe Pyramide. – Aber nun wollen die Augen nicht mehr. Alle guten Wünsche für
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| Dich und viele Grüße von uns allen! Ida ist auch immer leidend.
Innigst
Dein
Eduard.