Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. November 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 13.XI.57.
Meine geliebte Freundin!
Geduld! Geduld! – Ich glaube schon, daß manchmal lange niemand nach Dir sieht und daß auch ein akutes Versäumnis Deinen Zorn erweckt hat. Aber wir haben ja schon darüber gesprochen, daß das Heim eigentlich keine Pflegestätte ist. Eine Übersiedlung in das Krankenhaus sollte mit allen Kräften vermieden werden. Mit Frau Christmann und der jungen Schwester Dorothea
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| bist Du zufrieden. Die anderen Hilfsgeister sind zu nichts verpflichtet. Wohl aber könnte man Nachbarn bitten, einmal vormittags und einmal nachmittags hereinzusehen und etwas zu besorgen. Wahrscheinlich kommst Du garnicht an die Klingel heran. Das alles muß, um Schlimmerem vorzubeugen, mit möglichst viel Mut und guter Laune überwunden werden. Laß mich den bekannten Spruch umdrehen: "Wer Cognac hat, kann seine Sorgen verringern." Jeden Tag muß ein ganz klein wenig mehr gewagt werden.
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| Das ist bei Deinem Alter leichter gesagt als getan. Indessen geht es nicht aufwärts ohne "des Geistes tapfre Gegenwehr".
Von Prof. Pramann kam in der Tat ein freundliches Schreiben: ich soll für seine Kollegen in Bielefeld reden. Aber 1) rede ich überhaupt nicht mehr, und 2) vermeide ich gern Winterreisen.
Wir haben einen neuen Patienten und eine neue Sorge. Jenny Honig in Alpirsbach mußte plötzlich in das Krankenhaus in Schramberg gebracht werden. Es ist noch nicht gewiß, um was
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| es sich handelt. Vielleicht Gallenblasenentzündung? Dauer wird auf 3 Wochen geschätzt.
Ich bitte noch einmal um Standhaftigkeit und Zuversicht. Der November ist für niemanden freundlich Was bleibt also übrig, als nach dem alten Rezept zu handeln: "so tun, als ob man es nicht wäre?"
Alle hier grüßen mit mir Bitte zu melden, wenn neuer Cognac geliefert werden soll. Natürlich nicht auf den nüchternen Magen!
Innigst
Dein
Eduard.