Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. November 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 29.XI.57.
Meine geliebte Freundin!
Die Tage nach meiner Rückkehr aus Heidelberg waren recht anspruchsvoll und etwas angreifend. Am Dienstag waren Susanne und ich in dem Weinort Beutelsbach auf dem Landgut "Burg" zu einer Handwerkertagung, die das Landesgewerbeamt Stuttgart veranstaltet hatte. Ich sollte über "Persönlichkeit" sprechen; daran schloß sich eine längere Aussprache. Die Eindrücke waren ungewöhnlich angenehm. Unter den rund 25 Teilnehmern befand sich auch ein Schmied von der Reichenau. Er berichtete, daß Christel Sautter nun auch vor 2 Jahren gestorben ist. Hannelore hat im Winter eine Gastwirtschaftsfachschule und nur im Sommer 2 Monate eignen Hôtelbetrieb.
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Am Mittwoch war ich in Stuttgart zu der 500jahrfeier des Landtages. Der Festredner Prof. Ernst aus Heidelberg ist in Berlin mein Hörer gewesen. Ich konnte viele alte Bekannte begrüßen, so den Bundestagspräsidenten Gerstenmeier und Herrn v. Meerkatz, Chef der Deutschen Partei. – Am nächsten Tage war das kleine Seminar. Vorher erzählte Bähr von seinem neuen Besuch bei Albert Schweitzer. Morgen wollen wir Frau Tierok in Horb besuchen. Nächste Woche beginnt in Stuttgart die Kommission für das 9. Schuljahr. Nicht anwesend werde ich bei der Einweihung der neuen "Eduard-Spranger-Berufsschule" (für Einzelhandel) in Gelsenkirchen-Buer sein. Ich habe soeben ein paar Grußworte geschrieben. Litt hält die Festrede. –
Ich kann nicht ganz verschweigen,
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| daß mich bei unsrem Wiedersehen am Samstag manches etwas betrübt hat. Es wäre doch in Deinem eignen Interesse gut, wenn es Dir gelänge, Dich zu einer positiveren Einstellung gegenüber Deinem Heim durchzuringen. Eine freundliche Seelenverfassung hilft auch zur Überwindung der Krankheit mit. Zum Beispiel: die immer wechselnden "Schneegänse" sind doch nicht nur Störenfriede, sondern junge Wesen, die für eine freundliche Ansprache dankbar wären und sie mit Freundlichkeit erwidern würden. Die Ansicht der Schwester Maria, daß in einem so gearteten Zimmer keine richtige Pflege möglich sei, würde ohne Zweifel auch Dein verewigter lieber Vater teilen. Gegen Ungebühr andrerseits, wie sie "von oben" zu kommen scheint, soll man sich
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| wehren. Das Wichtigste ist daher, daß Du selbst nicht in dieses "Oben" kommst.
Was die Krankheit betrifft, so muß doch wohl die leichte Temperaturerhöhung von der Halsentzündung kommen. Es wundert mich, daß man sie nicht wirksamer bekämpfen kann.
Von Frl. Hedwig Mathy bin ich sehr gütig aufgenommen worden. Wir haben eine nette Kaffee-Halbestunde in ihrem schönen, wennschon gelegentlich ungeheizten! – Heim gehabt. Den Zug erreichte ich gerade, als er einfuhr. In Vorbeifahren grüßte ich Maulbronn.
Es ist schade, daß Frl. Mathy jetzt durch den Besuch ihrer Schwester stark in Anspruch genommen sein wird. Aber Frl. Héraucourt will ja nun häufiger kommen, und die alten Freunde, z. B. Frl. Seidel, werden sich auch wieder einstellen. Ich werde alles tun, um auf der Fahrt nach Mannheim wieder nach Dir zu sehen. Alle meine guten Gedanken und Wünsche sind bei Dir. Mit mir grüßen "die anderen". Jenny Honig <li. Rand> ist – vorläufig geheilt – wieder zu Hause. Innigst Dein Eduard