Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 23.12.57.
Meine geliebte Freundin!
Seit dem 14. Dezember habe ich nichts mehr von Dir gehört, weder direkt noch indirekt. Du pflegtest sonst einmal eine Karte zu diktieren. Fräulein Héraucourt ist auch häufig bei Dir gewesen. Sie hat mir heute einen Weihnachtsgruß gesandt, in dem aber über Dein gesundheitliches Befinden nicht viel drinsteht.
Solltest Du mich vergessen haben, so möchte ich durch diesen Weihnachtsgruß bekunden, daß ich in den kommenden Festtagen, wenn es möglich wäre, noch intensiver zu Dir hindenke. Ich wünsche Dir
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| einige freundliche Eindrücke, die die Kraft haben mögen, Deine Stimmung zu verbessern. Das Weihnachtsfest ist ja kein Tag der Zeitlichkeit, sondern der Überzeitlichkeit. Und so ist dann in mir der ganze Gehalt von 54 Jahren des Verbundenseins gegenwärtig, während Verdrießlichkeiten der letzten 3 Monate als belanglos versinken. Ich hoffe, daß Du Dich auch zu dem Gefühl aufschwingst: es gibt Dinge, die unsrer nicht wert sind.
Da Frl. Héraucourt über die Festtage nach Tiefenthal fährt, wirst Du auf anderen Besuch angewiesen sein, und der wird ja nicht ausbleiben. Zuerst denke ich an Frl. Hedwig Mathy, die ja am
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| nächsten wohnt. Wie ist es aber mit Frau Gaßner und den anderen, die sonst aus der Stadt oder von auswärts kamen?
Dr. Bähr wollte Dir selbst schreiben. Ich habe ihm aber abgeraten, da es Dich belästigen könnte.
Ich habe sehr anstrengende Tage gehabt. Am Freitag war ich den ganzen Tag in Stuttgart, bei einer Pädagogischen Kommissionssitzung. Am Samstag waren Susanne und ich wieder dort. Ich hatte im Landesgewerbeamt eine Ansprache zu halten, vor einer dankbaren Hörerschaft. Gestern waren wir beide in Horb. Es ist sehr schmerzlich, den Verfall dort mitanzusehen. Heute brachte die Morgenpost 50 Nummern. Das bedeutet den Anfang der Jahreszeit,
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| in der jede andere Arbeit unterbrochen werden muß zugunsten des Antwortens und Dankens. Ich bin ja nun auch in vielem schwach geworden, wofür früher die Kräfte ausreichten.
Morgen, am Heiligen Abend, werden wir beide ganz allein sein. Ida fährt nach Horb und bleibt dort über Nacht. Am 1. Feiertag gehen wir zu Bährs.
Du wirst auch in den Feiertagen viel schlafen. So kommt man über Empfindungen hinüber, die vielleicht auf die Seele drücken, statt ihr Erhebung zu bringen. Ich gehe Rührungen aus dem Wege. Die Lieder, die gestern der städtische Chor (die Paupers) im Garten für uns gesungen hat, konnten mich nicht fröhlich stimmen.
Susanne hat Dir selbst geschrieben. Ida sendet herzliche Grüße. Und in welchem Sinne ich Dich grüße, das ist Dir bekannt.
Dein
Eduard