Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Dezember 1957 (Tübingen)


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Tübingen, den 28. Dezember 57.
Meine geliebte Freundin!
Es war für mich eine Erlösung, als ich endlich am 3. Feiertag einen Gruß von Dir erhielt, und gleichzeitig die Nachricht, die Frau Buttmi gütig in Deinem Auftrage gesandt hat.
Weihnachten wird es Dir an teilnehmenden Besuchern nicht gefehlt haben, obwohl Frl. Héraucourt nicht kommen konnte. In diesen Tagen wird auch die Sonne in Dein Fenster hineingeschienen haben. Denn mindestens hier war das Wetter in den 3 Feier
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|tagen unbeschreiblich schön. Dann läßt Du wohl das Fenster ein wenig öffnen, um frische Luft in die Lungen zu bekommen. Das ist ebenso gut wie die Spritzen.
Wir hier sind am Heiligen Abend ganz allein gewesen. Ida war in Horb bei der Schwester, wo es auf eine grausame Art langsam zu Ende geht. Vorgestern haben wir den Hohen-Stauffen bestiegen und sind noch fast 2 Stunden in Richtung auf Urach weitergegangen. Am 1. Feiertag waren wir bei Bährs. Hänschen bereitet nun keine Sorge mehr.
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| Man kann dem geistigen Erwachen förmlich zusehen.
Vielleicht läßt Du einmal in den Winkeln Deines Zimmers nachforschen, ob da unser Weihnachtspäckchen hingelegt worden ist. Findet es sich nicht, so muß es anderswo hängen geblieben sein. Es sollte nichts anderes sein als ein Symbol täglichen Gedenkens.
Frau Dr. Edinger wird auch bald von ihrer Reise zurück sein. Bekommt Dir der Cognac noch? Wenn er zu stark wirkt, soll man ihn fortlassen. Alle Mittel muß man als Experi
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|mente betrachten und mit ihnen nach Bedarf wechseln.
Ich quäle mich, wie immer um diese Jahreszeit, mit den Danksagungen für die hunderte von Glückwünschen. Die Augen setzen meinem guten Willen Grenzen.
In Mannheim hörte ich, welch schreckliches Leiden Frl. Dr. Clauß sr. hat. Sie hat so vielen geholfen und ist nun selbst so elend!
In unablässigem Gedenken und mit vielen warmen Wünschen grüßen wir Dich!
Dein Eduard
u. Susanne.