Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Januar 1957 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 1. Januar 57
Mein geliebter Freund!
Die ersten Zeilen, die ich im neuen Jahr schreibe, müssen notwendig an Dich sein, und Du weißt, welch innigen Wünsche sie Dir bringen! Es scheint, als ob wir alle solche Wünsche und Fürbitte recht nötig gebrauchten. Dein lieber Brief, der pünktlich wie immer kam, hat es mir recht deutlich gesagt. Das war ja eine Kette von Mißgeschicken in den Festtagen! Wie besonders dankbar bin ich dem Geschick, daß es Euch vor dem Eisenbahnunglück bewahrte! Gibt es denn keine Möglichkeit von Tübingen mit einem besseren Anschluß diese Strecke zu fahren?
Manches Ungünstige lag auch hier vor. Eine der Mitbewohner von der Anlage her, liegt im Krankenhaus Salem, und die
[2]
| Berichte sind wachsend ungünstig. – Und von dem Ehepaar neben mir ist die Frau von der Reise zu Kindern und Enkel krank zurückgekommen mit recht verdächtigen Symptomen. Sie ist aber etwas gebessert, wie der Mann sagt.
Am Samstag abend hatte ich mal wieder an der Andacht teilgenommen und begegnete dort auch unserm Seelsorger Missionar Guther und Frau, was recht erfreulich war. Hin und wider wird er auch wieder bei uns wieder sprechen was entschieden anregender wäre. Ob er das auch denkt? – Bei einigen allgemeinen Mitteilungen sagte der Hausvater (Herr Binder), er habe erfahren, daß einzelne Hausbewohner mit dem Essen nicht zufrieden wären und da wolle er nur mitteilen, daß sie ihr Möglichstes täten bei den heutigen Preisen. Ich finde solche Unzufriedenheit empörend. Man
[3]
| sollte denjenigen empfehlen, in ein teures Sanatorium zu gehen! Das Essen hier ist reichlich, abwechselnd, nett serviert und gut gekocht. Natürlich kein Menü wie im Hotel! Ferner wurde in einer der Andachten, die ich immer nur am Wochenschluß mitmache, gesagt, daß unfaßlicherweise ein Diebstahl vorgekommen sei! Ich glaube, die Sache ist geklärt worden. Aber man würde mehrfach ermahnt, die Tür gut abzuschließen. Das war in der Anlage ausgeschlossen! Kurz, da wars doch schöner!
Bei Bährs nehmt Ihr nun recht gründlich an Familiensorgen teil. Hoffentlich ist die Taufe nun inzwischen ohne Schaden vorüber. Ich wunderte mich, daß sie ausgerechnet die Stiftskirche dazu wählten; das ist für Kind und Mutter doch eine Gefährdung, denn die ist doch schwerlich gut geheizt.
Haben Deine Augen sich wieder gebessert? Könntest Du nicht versuchen bei Schnee und Wind, eine
[4]
| Blendbrille mit Seitenschutz zu tragen wie die Autofahrer? – Deine Schreibhilfe wollte vermutlich verreisen, daß sie schon am 20. Ferien machte. Gewissenhaftigkeit und Arbeitsfreude ist ganz allgemein nicht mehr modern!
Und außerdem ist ja auch sonst so viel Unerfreuliches und Krankheit.
Wie gut, daß Ida so gefaßt ist. Sie erleichtert es sich und den Andern dadurch. Ich warte mit Teilnahme auf Nachricht. – Von mir ist nur Gutes zu melden und ich glaube, auch die Faulheit ist im Abklingen. Auf alle Fälle werde ich bei "Zeitmangel" weiter solche Karten von Goslar schicken, als Nachricht und liebe Erinnerung.
Sehr viel schriftliche und mündliche Wünsche für Gesundheit und ein langes Leben bekam ich natürlich. Ich lehne diese Aussicht gern skeptisch ab, denn man möchte die Länge nicht übertreiben. Aber Fontane hat doch recht, man macht da gern einen Vorbehalt. Und der hilft! Du weißt ja, was mir hilft, in jeder Weise und zu innerem Frieden.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Herzliche Grüße an Susanne und auch an die Patientin!