Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Januar 1957 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. Januar 57
Mein geliebter Freund!
Gestern hat mir Hedwig M. Deine getreue Sendung gebracht und ich danke Dir sehr. Aber mache Dir, bitte, keine Sorge, wenn Du mal nicht pünktlich schicken kannst, ich bin nie so völlig abgebrannt! Denn Du verwöhnst mich ja über das Nötige hinaus und ich teile gewissenhaft ein!
Aber Dein lieber Brief hat mich nur von außen, freudig gestimmt, als er an der Tür steckte – und ich bin von der widerwärtigen Angelegenheit, die er berichtet, sehr erschreckt, denn ich kenne ja das Heimtückische dieser unsauberen Kräfte, die da dahinter stecken. Ich kenne sogar eine bestimmte Quelle von Neid und Mißgunst, die da am Werke ist. Ich wollte nur, ich könnte Dir die Einzelheiten dieser abscheulichen Sache ersparen und bitte Dich innig
[2]
| die Klarstellung denen zu überlassen, die bereits eingegriffen haben. Es ist nicht nur unmöglich, solche Gemeinheit abzuwehren, sondern unter Deiner Würde. Und laß uns weiter im Matthäus-Evangelium nachlesen, vom Feind der Unkraut zwischen den Weizen säete. Bei der Ernte wird das Unkraut vernichtet, und die goldenen Weizenkörner bleiben bewahrt. – In anderen Dimensionen erscheint mir Dein Erlebnis dasselbe, wie ich es mit Frau Wüst erlebte, als sie mir auf dem Vorplatz entgegentrat, [über der Zeile] um handgreiflich auf mich loszugehen. Man kommt sich entwürdigt vor, aber kann nur durch schweigende Ruhe Abwehr üben. Es kann uns ja nichts zuleide tun.
Daß Du den Konflikt mit der Hitlerregierung drucken ließest, suchte ich mirs verständlich zu machen als eine Überwindung des Tragischen dieser Sprache, die sich endlich durch eine Aussprache
[3]
| kund tat. Ich ahnte nicht, daß es gegenwärtige Anstöße zu diesem Dokument gäbe. In mir war es eine schmerzhafte Berührung noch empfindlicher Narben, und ich trug es in meiner Tasche immer bei mir, ohne damit fertig zu werden. – Die deutsche Epoche hat so viele treffende Redensarten, so z. B: "die schlechten Früchte sind es nicht, daran die Wespen nagen!"
Mit ähnlicher Weisheit helfe ich mir hier oft über die mühseligen Stunden der täglichen Mahlzeiten im ohrenbetäubenden Speisesaal hinweg. Es gibt ja so allerlei, wogegen man sich wehren muß, "als ob man es nicht wäre." Aber einige leise Lichtpunkte zeigen sich doch auch.
In Deinem Brief freut mich besonders der normale Verlauf von Idas Operation! Wieviel Gallensteine hat man denn erbeutet? Möge nun auch ihr Herz gut standhalten.
Es ist merkwürdig, daß ich gerade dieser Tage lebhaft an Heinrich Scholz gedacht habe, an einen Weg mit ihm in einer Allee bei Dahlem, den
[4]
| wir mit ihm machten, er sehr lebhaft disputierend. Über ihn und seinen Vater geht auch einer der frühesten Schicksalsfäden zwischen uns. – Erfuhrst Du Näheres über seinen Tod?
Hier ist vor zwei Tagen eine der alten Frauen gestorben, die mit uns von der Anlage herüberkamen. Sie war an unserm Tisch hier und ihre lebhafte Unterhaltung wird entschieden von ihren Nachbarn vermißt. Sie war nur 3 Wochen krank, in dem Krankenhaus Salem, auf desssen Grund und Boden auch unser Haus steht. Wohl ihr! daß es so schnell ging.

7.I. Ob Du eine Fahrt über Mannheim gemacht hast? Ich wäre so liebend gern an die Bahn gekommen, auch wenn ich Dich nur von Ferne gesehen hätte! Und die Elektrische, die Du mir für den Besuch bei Héraucourts empfiehlst, benutze ich auch sonst oft, auch ohne solch frohes Ziel! Aber ich will ja nichts, was Dir lästig sein könnte! Sondern ich hoffe, daß die Sitzung und die Reise Dir keine schädliche Anstrengung waren und Du auch gegen die Angriffe aus dem Hinterhalt mit Gleichmut gewappnet bleibst. Herzliche Grüße und Wünsche für Susanne und Ida!
<Kopf>
In beständigem Gedenken
Deine
Käthe.