Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Januar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Januar 1957.
Mein geliebter Freund!
Heute morgen gegen 9 Uhr begann es zu schneien, unermüdlich bis zum Nachmittag und da habe ich natürlich Sorge, weil ich Dich noch auf Reisen vermuten muß! Vielleicht gerade auf der Rückfahrt? Hoffentlich kommst Du ohne die jetzt sehr verbreitete Erkältung durch.
Immerfort sind überhaupt meine Gedanken bei dem, was mir Dein letzter Brief meldete. Wenn doch die Gegenmaßnahmen (doch ohne Beteiligung von Dir!) rasch und gründlich in Wirkung treten möchten! Und wenn ich machen könnte, daß Dir dabei [über der Zeile] die so unerwünschten Aufregungen erspart blieben. Solch niedriges Gesindel ist doch garnicht wert, ernst genommen zu werden.
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Es ist, als ob überall Feindseligkeit in der Luft läge! An unserm Eßtisch ist sie auch ausgebrochen, zum Glück am andern Ende. Aber zum Wohlbehagen der Unbeteiligten trägt es nicht bei. – Dagegen hatten wir am Mittwoch mal wieder eine besinnliche Stunde mit dem Missionar Guther, der von der "Finsternis" sprach, im Anschluß an die Worte Christi: Ev. Johannis 9,V.3–5. – G. sprach von der allgemeinen Finsternis und von der des Altwerdens, und gerade da war seine Schilderung von einer verblüffenden Echtheit. Aber es ist immer so, als ob er zu der Befreiung "im Licht" nicht wirklich zum Resultat käme. Wenigstens nicht für mich; – da war mir kürzlich eine gute Reproduktion eines Rembrandt-Bildes mehr: Jakobs Kampf mit dem Engel. Rembrandt hat überhaupt
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| eine wunderbare Fähigkeit tiefste religiöse Gefühle auszudrücken. Mir sagt dieses Bild von dem Frieden der Selbstüberwindung. –
In dem neuen Zimmer ist mir das Wertvollste der freie Blick gegen den Abendhimmel. Gerade vor der Andacht am Mittwoch war da ein Sonnenuntergang von einer ernsten Harmonie wie ein Bachsches Präludium. –
Das Leben ist nicht ohne Kampf, schreibst Du. Aber das schließt nicht aus, daß man sich um den Anderen sorgt! Natürlich wird Euer tägliches Leben von Idas Erkrankung sehr in Mitleidenschaft gezogen, und ich kann mir lebhaft denken, wie schwierig das für Susanne ist. Denn selbst bei gutem Verlauf wird die Patientin längerer Schonung bedürfen. – Ist denn die Schreibhilfe jetzt wieder pünktlich da? Es gibt eben
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| in keiner Familie mehr die unverheirateten Tanten mehr, die in der Not aushelfen konnten. Auch solche zufällige Betrachtung zeigt ein Symptom von der radikalen Veränderung unsrer Lebensverhältnisse. Da kann ich doch trotz mancher Schwierigkeit garnicht dankbar genug sein, wie ich hier aufgehoben bin! Und das bin ich auch und warte geduldig, wenn Du keine Zeit zur Mitteilung hast. Aber meine treuen Wünsche sind beständig bei Dir, in dieser schwierigen Zeit ganz besonders, und ich grüße Dich und Susanne herzlich.
Deine
Käthe.