Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Januar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.I.1957.
Mein geliebter Freund!
Es war mir nicht beschieden, Dir früher zu schreiben, so sehr es mich verlangte, Dir zu danken für Deinen lieben Besuch! Nach Deiner Abreise holte ich den Mittagsschlaf sehr gründlich nach, und dann kam meine Nachbarin, Frau Schuhmacher, zu einem längeren Geschwätz über ihren sehr wechselnden Aufenthalt in den letzten Jahren. Am Dienstag mußte ich die Überweisung der Krankenkasse zu dem Arzt bringen, (der mir einen Haarspiritus aufschrieb), die schon seit Samstag gültig war. Beim Verlassen seines Hauses, nach langem Warten in der Sprechstunde, traf ich eine Bekannte von Adele Henning, die auch mit Gatten nach dem ersten Krieg aus Straßburg vertrieben wurde.
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| Heute nun, als ich mich [über der Zeile] an den Sekretär setzte nach einem Weg, der Dir bekannt ist: Haydnstraße etc. zur Apotheke, wollte ich gerade einen Brief anfangen, aber beim Beginn der zweiten Seite kam diese selbe Frau und erzählte mir von ihren Erlebnissen, seitdem wir uns nicht sahen. Ihr Gatte ist gestorben, ihre Tochter, die beim Arbeitsamt tätig ist, wurde nach Stuttgart versetzt – alles recht trübselig, eine ähnliche Tonart, wie sie immer am Eßtisch um mich klingt. Und nun bin ich müde!
Aber ich denke lieber an vorgestern, wo Du mich so gewaltsam in die Elektrische spediertest, und wie ich da so gern an der nächsten Haltestelle wieder ausgestiegen wäre, um beim Ende des Bahnhofs von der Landstraße aus Deine Abfahrt zu grüßen. Aber ich war folgsam und stieg um 13.25 am Bismarkplatz in die überfüllte Bahn nach Handschuhsheim um!
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| Es ist mir ja etwas recht schmerzliches, so abgeschoben zu werden, aber ich verstehe, daß es eine gutgemeinte Fürsorge ist, und ich gebe nach um Deiner Ruhe willen, wenn ich auch sonst noch immer mit Energie und Vorsicht ganz gut allein durchkomme. – Bist Du auch pünktlich und ohne Erkältung heimgekommen? Hier ist allerlei Mißbefinden an der Reihe.
Am Eßtisch fragte mich gestern eine Fräulein Jäckel ob mein Besuch der "bekannte" Spranger gewesen wäre! Was Näheres aber wußte sie nicht, nicht mal die Berufsbezeichnung. – Gretel Franz aber, die ich heute sprach, trug mir Grüße auf. Sie weiß von Deiner Teilnahme an ihrem Unfall und sei dankbar für die Ehre! Von Hedwig Mathy sehe ich nichts. Sie hat eine sehr anspruchsvolle Schwester aus Holland für Wochen zu Besuch.
Von mancher Einzelheit aus Deinem Leben
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| hätte ich gern noch Näheres gehört, so z. B. von dem Dr. von Müller, den Du am 4. Januar erwähntest. Und dann schreibst Du von einer Fr. Erna Scholz. Also hatte er wiedergeheiratet? Ich werde mir künftig vor jedem Vorhaben einen Zettel als Programm anlegen müssen, denn meine Geistesgegenwart ist nie "gegenwärtig!" Überhaupt war ich recht unzufrieden mit mir und fand garkein Geschick, Dirs behaglich bei mir zu machen. Ein andermal solls besser werden. – Auch jetzt hoffe ich, soll das "vorherige Geburtstagsgeschenk" Deiner Reise zu mir eine sichtbare Wirkung auf meine schwindende Tatkraft ausüben.
Möchte doch Ida sich jetzt nach der Beseitigung des zahlreichen Übels rasch und unbehindert erholen, und Ihr wieder zu dem gewohnten Rhythmus des täglichen Lebens zurückkommen. Sehr herzliche Grüße an alle und Dir noch einmal besonders in Dankbarkeit von
Deiner
Käthe.