Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. Januar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Januar 57.
Mein geliebter Freund!
Morgen ist schon eine Woche vergangen, seit Du hierher kamst, seit Deiner Abreise inhaltlos wie gewöhnlich. Aber meine Gedanken kehrten beständig zu den Stunden mit Dir zurück; ich möchte sagen Tag und Nacht, zu Deiner Äußerung über die Absicht eine Lebenserinnerung zu schreiben, da ist in mir ein Forschen nach allem, was ich von Deinem Leben vor unserer Begegnung erfahren habe. Du sagetest, daß der Bericht doch nicht erst mit "18 Jahren" beginnen könne. Da muß ein entscheidendes Erlebnis gewesen sein, dessen Spuren mir nicht bewußt wurden. Ich habe Euch erst in der Kantstraße kennen gelernt: das Besuchszimmer, im Wohnzimmer den Tisch an der Wand, der Deine Arbeitsstätte war und Deine liebe Mutter zeigte mir auch die Schlafräume. Ich werde es nie vergessen,
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| mit welcher zarten, segnenden Bewegung sie auf Dein Bett wies, und dann später, wie sie vor ihrem Tode noch einmal zu mir kommen wollte. Es war ein stilles, heiliges Einverständnis zwischen uns.

Sonntag, d. 27.I. Während ihrer schweren Erkrankung hast Du neben ihrer Pflege die erste Grundlage Deiner wissenschaftlichen Existenz ausführen können und wußtest Dich dabei mit ihren treuen Wünschen einig. Dagegen schienen die Pläne Deines Vaters für Dich auf eine einträglichere Berufsart gerichtet. Ihn habe ich weit weniger verstanden. – Da ist auch noch die Einwirkung eines Freundes, von der Du mir einmal berichtet hast, die entscheidend auf die Ehe Deiner Eltern wirkte. Ist dies der Grund, der Deinen Absicht ein Lebensbild zu geben, entgegensteht? Ist der verleumderische Angriff der letzten Zeit Ursache, lieblose Kritik
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| der Welt zu fürchten? Ich meine, die Lauterkeit Deines Wesens ist über jeden Angriff gesichert und bekannt. Und es ist Dir gegeben, immer für alles Notwendige die wahrhafte und natürliche Form des Ausdrucks zu finden.
Es ist mancherlei an "Fernsehbildern" vor meinem Sinn aus der Zeit vor 50 Jahren! Warum erscheint mir eine Mühle im Westfälischen als Heimat Deiner lieben Mutter? Und gab es nicht in Eisenach? oder Weimar? den Freund Vierecke? – Sehr deutlich aber ist mir der gütige Onkel Ernst – mit seiner bekannten Redewendung ... – das waren so Arabesken um das eigentliche entscheidende Erleben jener Tage.
Soeben kommt nach einem dauernd trüben Himmel wieder ein goldener Sonnenball über der Dunstschicht der Rheinebene frei und taucht den Himmel in wunderbare Farben.
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| Der übliche Dampf der ausfahrenden Lokomotive um 16½ steht noch als grauer Schleier in der stillen Luft. Wie schön ist dieser freie Blick aus meinem Fenster!
Auch im geistigen Bezirk klingt mir alles wieder in so freundlicher Art zusammen. Ein Vortrag über Tilman Riemenschneider (allerdings auf dem Boden der Basler Mission gewachsen) berichtete wie diese zarte Seele es überwand, daß beide Eltern [über der Zeile] vom Bannfluch des Papstes getroffen wurden; und in einem Lutherbüchlein, das die Stadt Berlin am 10. Nov. 1883 allen Schülern schenkte, las ich, wie Luther trotz Bann und Reichsacht unbeirrt weiter wirkte und kämpfte. – Wirst Du in Bonn mit den Juristen zu tun haben? Wann es sein wird habe ich leider nicht aufgenommen. Schreibe mirs doch, daß ich daran denken kann!
Ich fange jetzt an, allerlei notwendige Arbeit in Angriff zu nehmen, auch Päckchen zu machen – die längst geplant sind. Vorläufig gehen die herzlichen Grüße voraus, die Du, bitte, auch weitergibst.
<Kopf>
Immer mit innigen Wünschen
Deine Käthe.