Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Februar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Februar 57.
Mein geliebter Freund!
Eine milde Sonne scheint über das Papier, das vor mir auf der Platte des Sekretärs liegt und das Dir endlich den innigen Dank für Deinen lieben letzten Brief bringen soll. Er hat unendlich viel wieder in mir lebendig gemacht, das ich nur erahnend miterlebte, und ich würde Dich so gern überreden, diese schmerzvollen Erinnerungen nicht zum Hindernis werden zu lassen an der Schilderung Deines geistigen Werdens und fruchtbarer Lebensüberwindung. Du würdest gewiß mit Deiner so feinen Gestaltungskraft der Sprache eine Form finden, auch das Unausgesprochene schonend anzudeuten. – Von der frühen Leidensfähigkeit Deiner Jugend erzählte mir wohl Deine Mutter, wie Du bitterlich geweint habest: – weil auf der Familiengrabstätte für Dich kein Platz mehr sei. – Aber es gibt wohl
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| Erinnerungen, an denen man nicht rühren darf, weil sie nicht voll überwunden sind. Sie greifen noch zu tief in das gegenwärtige Dasein, und Du hast wohl recht, das zu vermeiden. – Aber haben sie Dich nicht zu dem gemacht, was Du bist? Erfahren wir nicht alle, je älter wir werden, den wunderbaren Sinn einer geheimen Führung unsres Lebens? – Du wirst ja selbst am besten wissen, welches der Weg zu "inneren Ruhe" für Dich ist.
Von außen ist wohl die Zeit weniger denn je dazu angetan. Man hört immer nur von überbelasteten, hastigen Menschen. Mich hat es jetzt eigentlich völlig hier isoliert. Und ich habe nicht mehr die Kraft durch Besuch oder schriftlich all die Fäden zu halten, die mich sonst mit der Außenwelt verbanden. Neue
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| anzuknüpfen lockt es mich bisher in der Nähe hier nicht. Aber die Erinnerung ist immer um mich in diesem Zimmer, das mit seinem freien Blick in den Himmel keine Enge aufkommen läßt – (wenn man sich auch recht kunstvoll zwischen den Möbeln durchdrücken muß!) Das Schlimmste ist, daß ich die große Erschöpfung noch immer nicht ganz überwunden habe und auch am Tage unvermutet einschlafen kann.
Zwischendurch hilft mir auch ein Griff in den noch immer nicht gesichteten Bücherschrank zu gutem Nachdenken. Eine Drucksache vom Jahre 13, Arthur Bonus, Religion als Schöpfung knüpfte durch Deine Widmung: die Kategorie des Wertes steht über der Kategorie des Seins – – an Deine Kritik meiner Behauptung, daß uns durch die Vorstellung "des Ewigen" die Welt der Werte zugänglich sei!
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Wie ging es Dir am 2.II.! auf der Comburg? Als ich gestern von einem halbstündigen Spaziergang zurückkam, meldete mir der Pförtner, daß ein Herr dagewesen sei, der einen Strauß (Anemonen) für mich abgeben habe und gegen 6 Uhr wiederkäme. Es war Prof. Drechsler, der hier der Familientante "Tante Lang" zum Geburtstag gratulierte, und der dann noch ganz nett ¼ Stündchen zu mir kam und von seiner Übersiedlung, (vorläufig noch ohne Familie) für das Sommersemester erzählte. —
Von Mädi kam ein Brief, der von der Bewerbung ihres Mannes: "als Lector der Abteilung für Kunsterziehung an der Landeskunstschule Mainz" spricht. Ich weiß, daß sie früher mal sagte: ein Urteil von Dir hätte ihm helfen [über der Zeile] können. Diesmal schreibt sie nichts davon, aber ich möchte Dich fragen, ob Du nach seinem Bericht neulich dazu geneigt wärst? Er ist ein beliebter und freudiger Lehrer – mehr weiß ich nicht. – Aber jetzt muß der Brief in den Kasten und ich schreibe bald wieder, denn ich höre ja nur auf!
<Kopf>
Viele guten Wünsche für Idas Erholung und Euer aller Wohlergehen, und herzliche Grüße.

<li. Rand>
In stetem, liebevollen Gedenken  Deine Käthe.