Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Februar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Februar 57.
Mein geliebter Freund!
Ich glaube, es ist schon wieder eine Woche vergangen, seit ich Dir schrieb und die Tage gingen nutzlos dahin. Man ist nur froh, daß sie vorüber sind, denn es gibt so manches Unerfreuliche. Und man erwartet eigentlich immer ohne Grund eine Wendung zum Erfreulichen! Statt dessen erfuhr ich von Héraucourts, daß der Rundfunk einen Vortrag von Dir gebracht hat, von dessen Zeitpunkt Du mir offenbar im voraus keine Nachricht geben konntest, und den zu hören ich also versäumen mußte. Ich wäre so froh gewesen, wenn ich mich dazu bei einem befreundeten Radio-Apparat rechtzeitig hätte anmelden können. Davon habe ich mehrere in der Nähe, einen sogar im
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| Haus! Und ich habe eine geistige Belebung ja so sehr nötig.
So spinne ich immer in Gedanken an halb verstandenen Eindrücken weiter und draußen wird der Himmel immer trüber. Es war doch so schöne Sonne, als Du hier warst!
Die Schilderung von Harnacks beginnender Dozentenzeit weckt so lebendig die Erinnerung an das gleiche Erleben mit Dir. Es ist doch etwas ganz Seltenes, daß nicht solch ungewöhnlich glücklicher Aufstieg immer wieder mißgünstige Anfeindung finden sollte. Ich hoffe von Herzen, daß dieser üble Eindruck bei Dir abgeschüttelt ist, auch in seiner Wirkung auf das Wecken längst überwundener Schmerzen. Müssen wir nicht immer bereit sein, an einer Überwindung zu wachsen? Ich bin zwar garnicht für die hiesige Art, den lieben Gott sechsmal täglich im Munde
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| zu führen, aber seine stille Wirkung ist mir oft unerwartet nahe. So begegnete mir im Römerbrief 8.28 das Wort, das mir beim Aufschlagen der Bibel entgegenkam, als ich verzweifelt und trostlos war bei der Nachricht, daß mein Vater in der Schweiz vermißt war. Auch damals wurde die Ungewißheit der Kunde gleich von einem übelwollenden Kollegen benutzt, einen Verdacht zu verbreiten. —  —
– Wenn Du nach Bonn fährst, werdet Ihr da auch ein neues Mitglied für den Orden Pour le Mérite wählen? Nun ist ja hier schon wieder eine Ordensträger gestorben! Er war lange krank, aber einer der wenigen von der Naturwissenschaft!
Schrieb ich Dir schon, daß auch ein Naturforscher, der mir bekannt war, ein Aniliner, ganz plötzlich gestorben ist? Am 3. oder 4. Februar ging ich die Zeppelinstraße entlang, da rief mich
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| ein Ehepaar von der andern Seite her an, die ich garnicht gleich erkannte. Es waren er und seine Frau, eine Schlesierin, seit Jahren durch Knapsens eine Beziehung, die mich getreu immer mal besuchte. Am 7. Februar las ich die Todesanzeige in der Zeitung und war ganz starr und konnte es garnicht glauben. Wie hart ist diese Plötzlichkeit für die arme Frau, aber für ihn beneidenswert. Er war schon länger merklich senil, aber bei dieser letzten Begegnung fand ich ihn heiter und frischer als sonst. —
– Das "Abendessen", um 17½ ist mit einer Stunde Stillsitzen überstanden, und nun will ich diesen sogenannten Brief rasch noch in den Kasten bringen. Hoffentlich trifft er Euch wohl an trotz der vielen Nässe, die mir garkeine Lust zum Ausgehen macht; so werde ich immer unbeweglicher, leider! So bleibt mir nur der weite Blick aus dem Fenster – in den Himmel.
Da fliegen ungehindert die Grüße in die Ferne und werben um treues Gedenken. Grüße also <li. Rand> auch Susanne und Ida vielmals. Deine getreue Käthe.