Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./24 Februar 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.II.1957.
Mein geliebter Freund!
Dein Schreiben vom 17.II. war mir eine überraschende, innige Freude, ganz besonders die Erklärung, daß es Dir leid tat, hier ohne Besuch bei mir durchzufahren. Mir wurde der Fall ohne allzu große Schmerzlichkeit erleichtert, denn eine starke "Erkältung" brütete ich lieber allein aus, ohne daß sie eine Möglichkeit der Ansteckung für Dich bieten konnte. Es war überhaupt eine Epoche von allerlei Mißvergnügen, das aber alles günstig vorbeiging. – Außerdem aber ist auch bei andern Leuten an unserm Eßtisch Krankheit, und zwei von der Anlage her unsrer Mitbewohner sind schon ins Jenseits übergesiedelt. Außerdem war meine Tischnachbarin Frau Vierling und meine Zimmernachbarin Frau Schuhmann tagelang krank und so waren an der Tafel meist nur
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| drei Plätze besetzt.
In Anbetracht meines Geburtstags haben sowohl Buttmis wie Frau Franz mich einladen wollen, aber ich will doch lieber in meinen vier Pfählen bleiben und den nicht allzu vielen Glückwünschen standhalten.
Um möglichste Ordnung vorzutäuschen, suchte ich den kleinen Bettteppich wenigstens mit frischer Borte einzufassen, und bin auf den Erfolg richtig stolz. Aber dieser Aufschwung zu energischer Tätigkeit bekam mir nicht. Denn beim Ausschütteln, (das sonst einmal in der Woche die "Bedienung" macht?) flog mir etwas ins Auge, das weder mit reiben noch mit Hilfe von Frl. Dr. Clauß-Ahles entfernt werden konnte, sodaß ich (am 19.II.!) direkt zum Augenarzt fahren mußte. Der konnte es dann mit Lokalanästhesie rasch entfernen. Ich wurde sehr rücksichtsvoll in die Reihe eingeschoben und hatte richtig Freude an dem unverhofften Wiedersehen mit Prof. Serr
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| und seiner Frau, die ich lange nicht sah und für den ich s. Z. auch mal zeichnete.
Eine Dauerfreude war mir aber sonst Deine Nachricht von dem erfolgreichen Verlauf der Sitzung in Bonn. Es ist mir nur schmerzlich, daß Du Dich jetzt so oft überfordert fühlst. Es ist dies ein gegenwärtiger Allgemeinzustand, aber ich möchte Dich doch beschwören, es bei Dir nicht chronisch werden zu lassen! Überlege doch mal ernstlich, wo Du einen Abstrich in Deiner Arbeit machen kannst

24.II. mitten im Satz wurde ich unterbrochen von Frau Heinrich und ihrer Schwester, dann kam Frau Buttmi, ihr folgte ein Frl. Heinzelmann?? – die meinem Gedächtnis ganz entschwunden war, denn es war in der Zeit an der Markscheide, daß ich mal mit Frau Buttmi bei ihr in der Frauenarbeitsschule einen Rock nähte. Und dazu kam dann noch Hanne Héraucourt. Die blieb bis zum Essen – und dann war ich für den Tag erledigt. So dehnt sich der Geburtstag bereits seit Donnerstag aus, wo Rösel Hecht erschien, und alle haben irgend was Nettes mitgebracht. Heute ist noch Mutter Héraucourt in Sicht! Auch Post, z. B.
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| ein Päckchen mit frdl. Zeilen von Kate Silber ist da, kurz die freundschaftlichen Verpflichtungen, die zum Teil schon seit Weihnachten auf mir lasten, wachsen erschreckend. Natürlich freue ich mich über jedes Einzelne, aber es fehlt die Kraft es nach Wunsch zu erwidern!
Um dem abzuhelfen, nehme ich Gerobion [über der Zeile] (sprich: Grobian! – das besser zu schlucken geht, als die Bombenkapseln vorher. Am besten wird mir der erhoffte Brief von Dir helfen, der, wie immer, pünktlich sein wird. (Was war das übrigens mit dem Pour le mérite?) Dafür war doch auch einmal ein Sitzung in Bonn. –  –
Mit guten Wünschen denke ich auch an die Sitzungen für Halbritter. Es wäre fein, wenn das glückte.
Ich hatte noch allerlei schreiben wollen, aber der Brief soll doch noch in den Kasten, damit er morgen meine Grüße nach Tübingen bringt, für Susanne, für die hoffentlich immer in der Erholung begriffene Ida und für Dich, mein geliebter Freund.
Deine Käthe.