Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./4. März 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. März 1957
Mein geliebter Freund!
Ich muß von vornherein um Entschuldigung bitten, daß ich so spät schreibe und daß es ein recht stimmungsloser Brief sein wird. In diesem stillen Altersheim gibt es so mancherlei Erlebnisse, gute und unerfreuliche, die einem hinderlich werden. Prinzipiell möchte ich vorausschicken, daß sich auch darin Dein sorglicher Wunsch erfüllte, und daß die Freude bei weitem die Minusfaktoren überwiegt, und daß auch die Kräfte wieder zunehmen; aber ganz besonders würde ich froh sein, wenn ich dies auch von Dir hören könnte. Meine Besorgnisse sind gesteigert durch den vermißten Brief im Paket von Susanne. Möchte das doch in keiner Weise einen unguten Grund haben, sondern nur Zeitmangel gewesen sein! was ich gut begreife.
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Mit der Bezeichnung "großer Festtag" bin ich nun freilich nicht einverstanden, denn was ist denn zu feiern, wenn einer so in der Stille recht viele Jahre überdauert hat? und wenn die Kräfte so fühlbar versagen. Aber zu Rückblick und dankbarer Einkehr fühlt man sich angeregt, und da ist mir zeitlebens so viel Geborgenheit und Reichtum zuteil geworden, wie mir auch Scholz ins Gesangbuch schrieb: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. –  – Heut, am Sonntag vormittag habe ich nach vielen Jahren seine Rede am Sarge meines Vaters wieder gelesen und ich fühlte mit Ergriffenheit, wie das Schicksal dieser Jahre bestimmend für mein ganzes Leben würde: ein Leben der Innerlichkeit.
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Von außen aber hat mir dieser 25.II. sehr viel freundliche Eindrücke gebracht. Das Plakat (auf englisch) war nicht nötig, denn ich hatte auch ein wenig vorgebaut und so hat sich der Besuch im Zimmer, den ich auf 22 Personen schätze, (hat sich) glatt abgewickelt, niemals mehr als 3 auf einmal, außer den Leuten im Haus, die mir sehr schön den Choral "Lobe den Herren –" – gesungen hatten, und die an der offnen Tür blieben. Allerlei günstige Zufälle hatten meiner Unbeholfenheit abgeholfen, sodaß ich ohne Besorgnis zurückdenke.
Am Nachmittag habe ich in Gedanken Euren Seminarkaffee besucht. Und nun warte ich besonders auf eine Meldung, daß Dein Katarrh bei der schönen Sonne überwunden ist. Aber Dein Kommen erwarte ich nicht, ehe das Wetter endlich stabil zuverlässig wird. Dann habe ich aber außerordentlich viel zu fragen, denn Deine lieben Briefe deuten so manches an,
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| wovon ich mir in der Ferne kein Bild machen kann.
Von meinen Gratulanten möchte ich Dir noch erzählen, daß da drei dabei waren, die ich nur mühsam in meiner Erinnerung ausgrub: Eine Gewerbelehrerin Frl. Heinzelmann, bei der ich mal vor vielen Jahren einen Kleiderrock nähte! Ein Mädchen von Adele Henning, die jetzt in Handschuhsheim verheiratet ist und vier Kinder hat: Dina Thum! Und nicht als Gratulant kam Friedel Seppich, Freundin von Rösel Hecht, die mir Gelee im Einmachglas von ihrer Mutter brachte, die unmittelbar hinter unserm Gelände ein Obststück haben. So bin ich hier ganz unerwartet von Freundschaft in der Nähe umgeben. —

Am 4. früh. – Wieder ist der Himmel schon überzogen von den Hieroglyphen der Düsenjäger, die gestern wahre Netze über uns spannten.
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Als ich mich zum Schreiben hinsetzte, kam Schwester Maria und sprach von einer Frau in dem Zimmer gegenüber und deren Mann, mit dem sie hier wohnt, ist im Krankenhaus. Nun will sie immer zu ihm, und sucht hier, halb angezogen, das Haus zu verlassen. Sie ist nicht mehr so bei Bewußtsein und suchte gestern auch bei mir Hilfe gegen den unverstandenen Zwang. Aber mein Zureden verstimmte sie nur, und daß ich ihr ins Kleid half, war gegen die Vorschrift, denn sie könnte so besser durchbrennen! Da wird einem recht bewußt, wie nötig es ist, noch etwas geistige Klarheit zu behalten. Schwester Maria sagte, ich müsse die Frau anweisen zu klingeln. Aber da ist oft niemand der hört. Die arme Seele tut mir so leid. Aber sie ist störrisch, weil sie nicht mehr einsieht, was notwendig ist. – Das war gestern meine Mittagsruhe!! Aber dann fuhr ich nach Rohrbach zu Buttmi's, wo es mit Mutter u. Tochter Héraucourt
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| und dem Vater B. recht gemütlich war. Um ½ 6 war ich wieder zum Essen hier. – In meinem Zimmer ist noch der Rest von einem wunderschönen, zartrosa Nelkenstrauß, der durch Fleurop von Prof. Drechsler mit freundlichen Glückwünschen beider Ehegatten kam. Auch der Neffe aus Erlangen war gerade hier und besuchte mich mit Osterglocken und guten Wünschen. Er nimmt in Zürich eine erwünschte Stellung an, hatte aber kein Verständnis für mein Bedauern, daß er dem Vaterland verlorengeht. Da fühlte ich so recht, wie notwendig Deine Gedanken zur Staatsbürgerlichen Erziehung sind, die von Anfang an im Bewußtsein des Menschen die Vaterlandsliebe wecken wollen, die man früher im Elternhaus unbewußt einatmete, und die jetzt von Utilitarismus erdrückt wird. – Rektor Buttmi hat dies Heft an Tochter und Schwiegersohn schon nach
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| Amerika geschickt. Die Beiden wollen bereits wieder nach Deutschland kommen. – – Ich lese in dem Büchlein immer wieder und wünsche ihm recht verständnisvolle Aufnahme und erfolgreiche Anwendung.
Wie bist Du denn mit dem Erfolg Deiner Modellsitzungen zufrieden? Und was sagt Susanne?
Als neulich mein Schreiben so rasch unterbrochen wurde, hatte ich Dich gern bitten wollen, Deine große Tätigkeit doch etwas einzuschränken. Nun kommst Du diesem Gedanken ja selbst entgegen und es ist mir tröstlich, daß es Dir selber erwünscht zu sein scheint. Deine Wirkung bleibt lebendig.
Jetzt aber möchte ich einen kleinen Spaziergang in der Sonne machen und am Briefkasten vorbei! Darum nur noch sehr herzliche Grüße und gute Wünsche für Dein Befinden, und grüße auch die "andern" von
Deiner  Käthe.