Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./9. März 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. März 1957.
Mein geliebter Freund!
Du wirst auf Nachricht warten über die Ankunft Deiner Sendung an die Adresse von Hedwig Mathy! Sie brachte mirs am Tage nach dem Empfang und seitdem wollte ich Dir täglich dafür Dank sagen, aber ich stand so sehr unter dem Druck einer großen Müdigkeit, daß ich zu allem unfähig war. So habe ich auch noch keinen der Glückwünsche beantwortet, außer heut den vom "Kollegen", der den üppigen Nelkenstrauß schickte. Auch den Geschwistern bin ich schon lange Nachricht schuldig.
Im Hause hier ist verschiedene Erkrankung der Einwohner und des Personals. Da flüchte
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| ich am liebsten in mein Stübchen – lese und gehe täglich etwa 1 Stunde langsam ums Häuserviertel, komme ermüdet zurück und – schlafe unversehends ein. Schon mehrmals hat man mich zum Kaffee oder sonstigen Essen geholt, weil ich die Zeit versäumte. Die arme verlassene Ehefrau, deren Mann im Krankenhaus ist, hält uns viel mit ihren Ausbruchsversuchen in Atem. Nur nicht so hilflos und verwirrt werden!
Dein lieber Brief vom 5. März war mir trotz der Nachricht von der zum Teil überwundenen Grippe, doch tröstlich, denn Du scheinst im Augenblick mal nicht gewaltsam eine Leistung erzwingen zu wollen. Ich bin froh, wenn Du die innere Notwendigkeit zur Gestaltung abwartest. – Auch daß die
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| Arbeit von Halbritter zu gelingen scheint, freut mich sehr. Vielleicht war solche "Sitzung" für Dich gerade eine gute Ruhepause!
Also übermorgen soll nun endlich die Taufe des Bährschen Söhnchens sein. Hoffentlich nicht in einer kalten Kirche.
Was hat der Augenarzt denn wohl mit der Verordnung des Codeïns bezweckt? War die Bindehaut entzündlich? Mir hat mal ein Rezept von Frl. Dr. Clauß sehr gut getan gegen die ewigen Augenschmerzen, mit denen man in der Klinik nichts anzufangen wußte. Aber es ist verloren gegangen und – "ich dulde still." Übrigens ist die kleine Verletzung neulich ganz glatt vorübergegangen, weil ich gleich in die richtige Behandlung kam. So entzündete sichs garnicht weiter.
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9.III. Nach dem üblichen Herumschleichen in den nächsten Straßen, wo ich den ersten Blütenbaum in der Sonne sah, will ich diesen Wisch noch in den Kasten stecken. – Es ist heut schon um ½ 6 Uhr Abendbrot, denn die jungen Mädchen wollen eine Theater-Aufführung machen. Da bin ich recht neugierig. Drei von ihnen werden uns in der nächsten Zeit verlassen. Ob sich Ersatz fand?!
In Gedanken werde ich bei Deinen Vorhaben am 13. u. 15.III. dabei sein, und mich in der Stille auf Dein Kommen bei wärmerer Jahreszeit freuen. Besonders hoffe ich, daß die beiden Unternehmen jetzt keine Schädlichkeit bringen! – Meine Beschäftigung ist die "staatsbürgerliche Erziehung" und die Harnack-Biographie, beides mit Rückblicken ins eigne Leben!  Und nun noch recht viele Grüße an alle und gute Wünsche, für Ida noch extra; uns allen zunehmende Frühlingswärme.
<li. Rand>
Immer in Treue
Deine Käthe.