Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. März 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20.III.57
Mein geliebter Freund!
Schon sehr lange wollte ich Dir gern über meine Eindrücke von Deinen "Gedanken zur staatsbürgerlichen Erziehung" schreiben, aber es ist zu selten eine günstige, ungestörte Stunde, die mir die nötige Sammlung meiner restlichen Geisteskräfte möglich macht. Aber ich fühle den Weckruf aus Deinen eindringlichen Worten für diese haltlose Zeit des Kampfes. Du zeigst die Stelle, wo neues fruchtbares Leben einsetzen kann, das sicher in vielen Menschen nach neuer Entfaltung verlangt. So war mir dieses Büchlein, das ich immer wieder abends zur Hand genommen habe, Schmerz und Trost zugleich. Denn in mir ist die Liebe zum alten Staat zu groß, als daß ich den Weg zur Demokratie, in der "alle mitreden", hätte finden können. Du aber zeigst die Möglichkeit zu neuer Ansatzstelle
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| auch für die, welche dem Zerstörten nachtrauern. Mein politischer Sinn war doch eine recht empfindliche Pflanze, die wohl mehr im Hause, als in der Schule gewachsen war. Aber auch diese war brav preußisch und kaiserlich deutsch: Schon mit 6 Jahren zählte ich Wahlblätter der Deutsch-Freisinnigen Partei, die Vater mitnahm in die Dörfer, in denen er Patienten besuchte!! Von 9 oder 10 Jahren ab mußte [über der Zeile] ich monatlich über die Linden in die Behrenstraße gehen, um den Fahrausweis der Pferdebahn umzutauschen. Da wartete ich womöglich die Woche ab, um den alten Kaiser am bekannten Eckfenster zu erblicken. – An seinem 90. Geburtstag zogen wir mit dem Menschenstrom vom Lustgarten durch die illuminierte Stadt bis beim Denkmal Friedrichs d. Gr. die Enge zu bedrohlich wurde. Auch bei seiner Aufbahrung im Dom standen wir stundenlang vergeblich und wurden von berittenen Schutzleuten auseinander getrieben. Den würdigen Trauerschmuck der Linden und des
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| Brandenburger Tors sah ich, und den Trauerzug vom Fenster bei Geroldts, und die Gestalt von Wilhelm (II.) damals noch Prinz W, ganz allein hinter dem Wagen mit dem Sarg schreitend war mir ein unvergeßlicher Eindruck. – In den Tagen [über der Zeile] danach war alles nur Teilnahme an dem tragischen Geschick Kaiser Friedrichs und am dem Konflikt der Ärzte. – Da blieb eine ungelöste Tragik und im Jahr darauf brach sie ganz jäh mit dem plötzlichen Tode meines Vaters über mir vernichtend herein. Damit war dann nicht nur der äußere Zuschnitt des Lebens, sondern auch der wesentlichste geistige Einfluß vorbei.
Die beiden Brüder unsres Vaters nahmen seit in jeder Art hilfreich seiner Kinder an, und besonders mir hat die gute Tante Therese mit mütterlicher Fürsorge die zeichnerische Ausbildung ermöglicht, aber alles blieb bei mir auf den engen Familienkreis beschränkt. Ich hatte einen Abscheu vor allem Vereinswesen und fand die Zusammenkünfte im Münchener Künstlerinnenverein einfach albern. Erst hier in Heidelberg
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| lernte ich die öffentliche Tätigkeit der Frau besser verstehen, aber mehr auf dem sozialen als dem politischen Gebiet. Überhaupt war für mich Politik nur: Vaterlandsliebe. Und darum ist mir die Wendung in Deinen "Gedanken" vom Verstehen des Wertes oder Unwerts der Verbandsformen, das von innen her wachsen, "unter der Hand" zur Geltung kommen soll, so tröstlich. Möchte doch diese Mahnung in möglichst vielen Lehrern Wirkung tun und sich erfolgreich ausbreiten. Denn in mir war doch alles an persönlichen Eindrücken gewachsen. Und Du zeigst nun den Weg zu neuer Entfaltung ohne Gewalt, oder Vernichtung früheren Besitzes.
Ich kann das nicht so mit Worten sagen, was Deine Schrift in mir alles anregte und wie Dein Vorschlag gerade den persönlichen Einsatz für den Staat wecken will, der mir aus einer glücklichen Lebenserfahrung gewachsen war – und zerstört wurde. –

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21. März.   Nun ist schon bald ein Monat vorbei, seit Deine Schrift bei mir eintraf und sie hat mich die Zeit über beschäftigt und tief bewegt. Denn ich fühle sehr lebhaft, wie notwendig in dieser Zeit der Parteiung Deine Mahnung zu staatlicher Einheit und Ordnung ist. Erleben wir doch täglich das Auseinanderstreben der Meinungen und die Unsicherheit der politischen Entwicklung. Wie froh war ich, als in Deinen Erwägungen das Wort "Liebe" auftauchte, denn mir war sie von allem die notwendige Grundlage!
Aber ich möchte Dir heut doch noch ein wenig von dem Verlauf meiner stillen Tage erzählen. Soeben um 18 Uhr wird gleich der Ruf zum Abendbrot erklingen und ich bin eine halbe Stunde bei Sonnenschein um das Häuserviertel gewankt, denn ich suche mir immer möglichst gutes Pflaster. In der vorigen Woche hat sich Maria Dorer per Telefon angesagt, und das war dann ein ganz
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| erfreuliches Beisammensein, auch natürlich im Gedanken an Dich, dem sie in lebhafter Zustimmung geschrieben haben will.
Am Sonnabend kam Hanne Héraucourt, die mir sehr hilfreich beistand im nötigsten Ordnen von Büchern. Sie ist aber von den zwei Stunden so ermüdet gewesen, daß ich sie nicht wieder darum bitten werde. Mutter und Tochter tragen mir jedesmal Grüße an Dich auf.
Gestern, Mittwoch 20. hat sich Ute Klauser zum Kaffee angesagt (was diesmal besser klappte als bei Dir!) Sie und ihre Schwester Renate sind Enkelinnen von Ernst Schwalbe! Diese Ute war nur ½ Jahr zu bibliothekarischer Ausbildung hier und geht jetzt nach München. Sie hat ein herzliches, offenes Wesen, an
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| dem ich rechte Freude hatte. Ausnahmsweise kam an diesem Nachmittag kein weiterer Besuch, wie das sonst leicht vorkommt, während viele Tage ganz ohne vergehen. Ich habe sie, die sich in der empfehlenswerten Literatur gründlich unterrichten soll, recht eindringlich mit Deinen Schriften bekannt gemacht, die sie nur von weitem kannte. Sie war sehr überrascht, von unsrer Freundschaft zu erfahren.
Morgen, werde ich bei Hedwig Mathy sein, mit der jetzt regelmäßig der Freitag in Aussicht genommen ist, abwechselnd bei mir und ihr. Wollen sehen, obs dabei bleibt.
Auch mit Frau Buttmi war längere Pause. Aber heut kam eine Karte, die von einer Art Grippe erzählt und sie für Mittwoch 27. bei mir ansagt.
Im Hause ist die Stimmung dauernd wechselnd, wie auch das Wetter draußen, aber weniger klare Sonne dazwischen: ein ewiges Mißbefinden
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| und Jammern. Sich unterhalten kann man mit niemand, denn ich kenne die vielen Heidelberger nicht, von denen meist geredet wird. Und überhaupt wird bei dem Lärm meine schwache Stimme meist nicht verstanden.
Noch immer bin ich unnatürlich schlafbedürftig. Ich kann am Vormittag bereits wieder mit der Zeitung einschlafen. Und ich hätte doch so nötig jetzt viel Dankesbriefe zu schreiben. Es ist mir viel Freundlichkeit erwiesen worden. – Schrieb ich schon, daß auch Rudi Hadlich aus Würzburg plötzlich mit seiner Frau erschien, auf Familienreise. Sie haben auch einen Sohn, im Begriff das Abitur zu machen. Und der Ältesten von Mädi ist bereits durchgefallen, während der Zweite die Prüfung zur Oberschule bestand.
Nun ist gerade noch Platz innige Grüße und viel gute Wünsche anzufügen und das schlechte Schreiben zu entschuldigen. Es war Dämmerung geworden und ich wollte vor dem Essen gern noch fertig schreiben. Ich hoffe sehr, daß Dein Katarrh sich nun gebessert hat, und daß Du neue Erkältung vermeiden kannst.
<li. Rand> Ich freue mich, daß Ihr Ida entschieden gebessert findet, und freue mich besonders <Kopf> auch an Susannes Brief. Grüße Beide und nimm selbst die innigsten Grüße von
Deiner Käthe.