Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2. April 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. April 1957
Mein geliebter Freund!
Ich kann doch den Tag nicht vorübergehen lassen, ohne Dir zu schreiben, wie froh und dankbar Du mich durch Deinen Besuch gemacht hast. Du ahnst ja nicht, wie sehr Deine liebe Gegenwart mir immer wieder Kraft und Freudigkeit gibt. Wenn ich nur jetzt auch wüßte, ob Du wohlbehalten zuhause ankamst, und ob Dich die Reise nicht anstrengte? – Nach Deinem Weggehen gestern machte ich mich gleich daran, in meiner Stube wieder "Alltag" zu machen, und das war gut, denn kaum war einigermaßen Ordnung, da klopfte es energisch und unser "Portier" Herr Lei..? meldet: Frau Frobenius!! Sie wollte vor
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| ihrer Abreise zu Mutter und Schwester nach Erfurt "Grüße von mir" abholen. Natürlich war ich in diesem Moment garnicht darauf gefaßt und so war es gut, daß unser Abendbrot Sonntags schon um ½6 stattfindet. Ich fürchte, sie hat erwartet, daß ich ihr etwas mitgeben würde, aber ich hatte garnichts zur Hand und auch garkeinen Einfall. – So mußte ich sie ziemlich rasch wieder gehen lassen, da unser Gong ertönte, und hatte nichts als Grüße mitzugeben. — Eine schöne Abendsonne gab es nicht, aber ich hatte doch Verlangen nach freier Luft und ging, wie oft jetzt, um ein paar Quadrate, und saß dann ermüdet im grünen Lehnstuhl, wo ich, recht erstaunt, um 11 Uhr aufwachte. Trotzdem habe ich dann noch recht wohltuend im Bett weitergeschlafen, im Gefühl des Schönen, was mir dieser Sonntag mit Dir gebracht hatte.
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Natürlich habe ich wieder allerlei vergessen, was ich Dir noch gern mitgeteilt hätte, aber ich tröste mich: ein andermal! Ich bin leider nie geistesgegenwärtig. –
So hatte ich Dir z. B. sagen wollen, daß ich aus der Fülle Deiner Schriften mir mal wieder das Heft: "Der Bildungswert der Heimatkunde" vorgeholt habe, (und daß ich damit jetzt den Tag beschließen werde). – Diese Eröffnungsrede (1923) "Der Eigengeist der Volksschule" (1955) und die "Gedanken zur Staatsbürgerlichen Erziehung" 1957 scheinen mir in einem besonders nahen Zusammenhang zu stehen. – Bei diesem letzteren war es mir neulich besonders schwer, den Standpunkt des Lehrers und die durch die vorausgesetzte Stufe des "Jugendlichen" auseinander zu haltende Lehre oder Anregung zu verstehen. Ich meinte immer, daß alles nur so von selbst sich in mir organisch durchs Leben entwickelt habe. – So nahm ich immer Anstoß an diesem süddeutschen Lokalpatriotismus!
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Jeden Abend habe ich in letzter Zeit eine Buchhülle von Pappe im Gebrauch zum Höherstellen der Nachtlampe; darin steckt ein dickes Buch zur Sonderausstellung "Schule und Buchgewerbe" in dem ein Aufsatz von Dir ist über "Hauptströmungen der Pädagogik vom Altertum bis zur Gegenwart" [über der Zeile] a Dürrsche Buch[über der Zeile] hlg Hast Du den noch in Deinem Besitz? oder soll ich ihn Dir schicken? Ich merkte es erst kürzlich, hatte nichts von Dir darin vermutet.

2. April. Die "Heimatkunde" gestern abend war wieder ganz so schön und gehaltvoll, wie ich sie in Erinnerung hatte. Das schmale Heft hatte ich ja damals gleich hübsch eingebunden! Die Nacht verlief dann sehr rasch und heute begann ein dicht bedeckter Himmel und nicht die prophezeite Kälte. Auf der Monatsrechnung fehlt diesmal schon die Kostenangabe für Heizung. Aber der Heizkörper ist warm.
Ich will ausgehen und den Zettel in den Kasten werfen. Vielleicht kommen nachmittags Mutter und Tochter Héraucourt. –  – Möchte auch Dir die Erinnerung an Heidelberg diesmal so ganz ohne Schatten geblieben sein! Sei innig gegrüßt <li. Rand> von Deiner Käthe. Grüße auch an Susanne und die Hausgenossen.
<Kopf> Ich bitte auch um Postangabe für Reisenachsendung!